07.09.2018 - Ruth Vuilleumier

Sehnsuchtsort Familie

Das Museum Langmatt zeigt die erste Einzelausstellung von Norbert Bisky in der Schweiz und präsentiert zahlreiche neue Werke, die eigens für Baden entstanden sind.

Das Gemälde 'Langmatt', eines der 2018 eigens für diese Gelegenheit von Bisky geschaffenen Werke, zieht besondere Aufmerksamkeit auf sich. So bunt wurde die Villa sicher noch nie dargestellt. Auf dem lichtdurchfluteten Rasen mit blauem Swimmingpool erscheint im Hintergrund die Fassade des Hauses hellblau, das Dach intensiv orange, die Fenster gelb und violett. Der fast dunkelblaue Himmel darüber überrascht mit zwei durch die Luft wirbelnden Menschen. Überhaupt wirbeln oder baumeln immer wieder einmal Menschen in der Luft auch auf andern Bildern. Das Ganze lässt an eine Märchenszene denken, stünde da nicht vorne rechts unter einem Baum, schattenhaft, eine grosse skizzierte Figur. Es ist eine gelb umhüllte Frau im Minirock, die alles beobachtet und der ganzen Szene etwas Bedrohliches verleiht.

Norbert Bisky, Langmatt, 2018, 120 x 150 cm, Öl auf Leinwand, Foto: Bernd Borchard, Privatsammlung, Bamberg, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Norbert Bisky zählt zu den international bekanntesten Malern seiner Generation (*1970 in Leipzig, lebt in Berlin). Er wuchs in der ehemaligen DDR auf und studierte von 1994 - 1999 Malerei bei Georg Baselitz an der Hochschule der Künste in Berlin und war 1999 dessen Meisterschüler. Die Ausstellung mit dem Untertitel Fernwärme bietet anhand des sensiblen gesellschaftlichen Themenspektrums Familie einen konzentrierten Einblick in Biskys Malerei der letzten zehn Jahre. Sie verweist auf ein weit gespanntes Verständnis von Familie, das über das klassische Muster hinausgeht und auch andere Formen des Zusammenlebens umfasst.

Der Rundgang beginnt in der ehrwürdigen Bibliothek des Hauses. Und man reibt sich die Augen, denn so poppig bunte Bilder hat man hier auf den dunkelgemusterten Seidentapeten kaum je gesehen. Die sechs in dünnflüssigem Öl (40x30cm) gemalten Arbeiten auf Papier, die wie Aquarelle wirken, hat Norbert Bisky noch kurz vor Ausstellungseröffnung spontan geschaffen.

Norbert Bisky – Fernwärme. Ausstellungsansicht I. Museum Langmatt 2018

Ausgangspunkt für die Ausstellung in Baden sind historische Fotografien der Familie Brown aus dem Archiv des Museums, mit denen sich Bisky eingehend auseinandersetzte. In der Familiengeschichte der Browns, die 1900 als eine der Gründerfamilien der BBC (heutige ABB) die Villa Langmatt errichten liessen, erkannte der Künstler Parallelen zu seiner eigenen Herkunft.

Norbert Bisky dienten diese historischen Fotografien als Inspiration. Einige sind in einer Glasvitrine am Anfang der Ausstellung zu sehen. Der Künstler wählte einzelne Personen aus den Fotos aus, kombinierte sie mit anderen Figuren und setzte sie in ein neues Umfeld. Mitunter werden die Vorbilder im Bildtitel namentlich erwähnt, wie Mama Porträt (Jenny B.), 2018. Die Mutter Jenny Brown ist aber nicht mit einem ihrer drei Söhne dargestellt, sondern mit einem Freund der Söhne. Schiefe Ebene / Harry F., 2018 berücksichtigt nicht alle Personen der historischen Aufnahme, sondern nur den Sohn Harry Brown und zwei Bekannte.

Norbert Bisky, Schiefe Ebene / Harry F., 2018, 60 x 50 cm, Öl auf Leinwand, Foto: Bernd Borchard, Courtesy König Galerie Berlin / London, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Wirklich unheimlich schrecken in der grossen Galerie die Bestien auf dem expressiven grossformatigen Triptychon Craving, 2008. Kämpfende Wölfe mit aufgerissenem Rachen und fletschenden Zähnen gehen aufeinander los, rote und andere Farbfetzen spritzen herum. Auf dem Mittelbild streichelt ein junger Mann mit nacktem Oberkörper einen auf dem Rücken liegenden Wolf, mit ihm hat er wohl Frieden geschlossen. Es sind innere Bilder einer traumatisierten Seele, entstanden unter dem Eindruck des frühen Todes des jüngsten Bruders des Künstlers.

Die Malerei Norbert Biskys changiert immer wieder zwischen Anziehung und Abstossung. Iconoclasts, 2017 kann als Schlüsselwerk in der Arbeit des Künstlers verstanden werden. Eine Gruppe junger Menschen bewegt sich dynamisch aufeinander zu. Sie scheinen sich aneinander festzuhalten. Auch bei intensiver Betrachtung des Bildes bleibt unklar, ob es sich hier um ein Spiel, Sport oder um eine Katastrophe handelt. Alle Lesarten sind möglich und rufen trotz der farbenfrohen Ästhetik ein Gefühl beunruhigender Unsicherheit hervor.

Norbert Bisky – Fernwärme. Ausstellungsansicht II. Museum Langmatt 2018

Viele von Biskys Bilder wirken auf den ersten Blick fröhlich, kippen dann aber bei genauem Hinsehen rasch ins Hintergründige und Dunkle. Das Drama, der Schrecken erscheint in auffälligem Kontrast zur hellen Farbigkeit und auch zu den stets perfekten Körpern der jungen Männer. Diese Ambivalenz begleitet den Besucher durch die ganze Ausstellung.

So zentral Licht und Bewegung für Norbert Bisky sind, so galt dies gleichermassen für die Impressionisten. Unter dem Titel Gegenlicht – Meisterwerke des französischen Impressionismus präsentiert das Museum Langmatt ausgewählte Meisterwerke. Wortwörtlich im Gegenlicht entfalten die bedeutenden Gemälde der Sammlung von Claude Monet bis Pierre-Auguste Renoir und der Vorläufer Camille Corot und Eugène Boudin ihren ganz besonderen Zauber. Diese Ausstellung in den kleinen Privaträumen der Familie Brown im ersten Obergeschoss des Museums lässt die bekannten Gemälde präsenter scheinen als in der grossen Galerie im Erdgeschoss. Durch die geringe Distanz zu den Werken entfalten sie eine besonders sinnliche Ausstrahlung. Der ungewohnte Blickwinkel auf die Sammlung lädt ein, bekannte Bilder neu zu entdecken.

Pierre-Auguste Renoir, Auf der Insel Chatou, um 1879, Öl auf Leinwand, 46 x 55,5 cm, Museum Langmatt

Die Ausstellungen
Norbert Bisky – Fernwärme und
Gegenlicht – Meisterwerke des französischen Impressionismus
zeigt das Museum Langmatt, Baden AG, bis 9. Dezember 2018.

Umfassende Publikation zur Ausstellung Norbert Bisky – Fernwärme mit zahlreichen Abbildungen und Texten zum Thema Familie aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Blickwinkeln, Hatje Cantz Verlag Berlin (dt./engl.), Hardcover, 160 Seiten, CHF 38.00

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