30.11.2017 - Andreas Iten

Sich selbst belügen

Wir leben in einer Welt, wo sich mächtige Männer selbst belügen. Kann das gut gehen?

Wir scheinen auf eine Gesellschaft zuzugehen, die sich selbst belügt, jedenfalls werden Lügen als Fake News banalisiert und Fake News für den politischen Kampf mehr oder weniger als tauglich akzeptiert. Es tauchen überall Figuren auf der politischen Bühne auf, die sich nicht mehr an Tatsachenwahrheiten halten, sie umdeuten und diejenigen, die sie kritisieren mit leichter Hand parieren, in dem sie ihre Kritik als Fake News deklarieren. Kann dagegen etwas getan werden? Man muss warten können. In jedem Volk scheint mir ein Selbstheilungsmechanismus zu wirken, der am Ende jene bestraft, die sich selbst belügen.

So schreibt Hannah Arendt in ihrem Essay „Lüge in der Politik“: „Im Bereich der Politik, wo Geheimhaltung und bewusste Täuschung stets eine grosse Rolle gespielt haben, ist der Selbstbetrug die Gefahr par excellence; der Mann, der auf seine eigenen Lügen hereinfällt, verliert jeden Kontakt nicht nur zu seinem Publikum, sondern zu der wirklichen Welt, die sich an ihm rächen wird...“ So geschah es vor unseren Augen mit der Sowjetunion, dem Ostblock, und so wird es auch in der Türkei geschehen. Mugabe ist soeben unter dem Jubel des Volkes verjagt worden.

Ich bin kein Prophet. Aber der zitierte Satz von Hannah Arendt hat seine innere Logik. Diese gilt nicht nur in der Politik, sondern ganz allgemein im Leben. Wer sich selbst belügt, löst eine innere Explosionskraft aus, die nur wartet, bis ein Funke sie entzündet. Die Finanzmarktkrise hat dies deutlich gemacht. Blasen blähen sich auf, sie dehnen sich, bis sie platzen. Darum fährt am besten, wer den Fakten in die Augen schaut. Die Torheit der Regierenden besteht gerade darin, dass sie in einer illusionären Sehnsucht nach Selbstherrlichkeit plötzlich Fehler machen. Es stürzt zusammen, was aufgebläht wurde.

Warum ist die Sowjetunion gescheitert? Das Reich konnte nicht auf Millionen von Toten aufgebaut werden, aber auch nicht auf dem Versprechen, der Kommunismus überwinde die Selbstgestaltungskraft der Menschen und werde zu einer sozialen Maschine. Maschinen brauchen Antriebskräfte. Die stärkste Antriebskraft für tätige Menschen ist die Freiheit. Warum komme ich auf die Idee, die Türkei Erdogans werde scheitern? Der Selbstherrscher kann sein Land, das sich in weiten Kreisen als Zivilgesellschaft verstand hat, nicht in eine Hörigkeits-Gesellschaft verwandeln. Das gelingt solange, bis die Mehrheit erkennt, dass jeder im Land Gefahr läuft, eingesperrt zu werden. Schritt um Schritt nimmt das Denunziantentum zu. Keiner ist vor dem anderen sicher. Ein falsches Wort und die Polizei holt ihn ab. Parallel schwindet die Prosperität, die nicht von oben befohlen werden kann.

Erdogan hat sich in seinem grandiosen Palast auf einen dystopischen Weg begeben. Am Anfang steht die Sorge um die Macht, es folgt die Angst vor dem Verlust und am Ende die Diktatur. Es gibt keinen Diktator – auch wenig starke und reiche Männer – die nicht in die Spirale der Angst hineingeraten. Es wächst die Selbsttäuschung und der Unterschied zwischen Wahrheit und Unwahrheit verschwindet. Wie Hannah Arendt sagt „zwischen Tatsachen und Erfindungen und damit zwischen Wirklichkeit und Betrug“. Die Geschichte könnte Lehrmeisterin sein. Kein Reich, das auf Selbstbetrug aufgebaut war, hat überlebt. Warum lernen starke Männer nichts aus der Geschichte? Sie glauben trunken an ihre Unfehlbarkeit.

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