20.02.2019 - Bernadette Reichlin

Sie sind da!

Der Garten im Februar. Die Tage werden länger, die Sonne gewinnt an Kraft, die Vögel zwitschern und statt Mailänderli gibt es Fasnachtschüechli zum Kaffee – es wird Frühling.

Es gibt im Jahreslauf eine ganze Reihe von Feiertagen – solche an fixen, andere an variablen Daten. Ein Datum aber ist in keinem Kalender aufgeführt: Der Tag, an dem die ersten Schneeglöckchen aufblühen.

Für Flachländer mag das kein besonderes Ereignis sein. Dort blühen die ersten kleinen Frühaufsteher bereits im Januar oder – wie letzten Herbst in den Merian Gärten in Basel – bereits im Spätherbst. Aber in den voralpinen Bergregionen wie bei uns, wo auch jetzt, trotz tagelanger Sonneneinstrahlung, immer noch Schnee liegt, sind die ersten dieser Winzlinge ein freudig begrüsstes Wunder.

Jedes Jahr ein kleines Wunder: Die ersten Schneeglöckchen.

Sie blühen denn auch erst in der Nähe des Hauses, dort, wo die sonnenbeschienene Fassade tagsüber etwas Wärme abstrahlt und der Schnee sich deshalb bereits zurückgezogen hat.

Kurzer Vegetationszyklus

Natürlich wird es auch bei uns bald ganze Horste von Schneeglöckchen geben und manch ein Gartenliebhaber wird in ein paar Wochen ungehalten die unordentlichen Laubblätter anschauen. Die man nicht abschneiden sollte, bis sie ganz vergilbt sind – denn noch sind es Nährstoffpumpen zu den kleinen Zwiebelchen.

Denn die Zeit zum Wachsen und Gedeihen ist, wie bei allen Frühblühern, kurz: Wenn die Sträucher Laub ansetzen und die grossen Sommerstauden austreiben, dann müssen die Winzlinge bereits ihre Samen ausgestreut und wieder im Boden verschwunden sein. Und warten, bis zum nächsten Frühling.

Vorläufig aber werden sich jeden Tag ein paar neue Blüten öffnen – bis der Winter dem zur Zeit herrschenden Vor-Vorfrühling ein Ende macht und nochmals alles mit einer neuen Schneeladung zudeckt. Bangen muss man indes nicht um die kleinen Wunderwerke der Natur, denn die wissen sich zu schützen. Der in den Laubblättern noch nicht in Stärke umgewandelte Zucker ist ein wirksames Frostschutzmittel, das die Pflanze vor Erfrierungen schützt. Ohne diesen biochemischen Schutz würden die Zellwände durch gefrierendes Wasser regelrecht zerfetzt werden. Wer schon mal Geranien, Petunien oder andere Sommerblüher mit Frostschäden gesehen hat, weiss, wie das aussieht.

Hart im Nehmen

Das kann den Schneeglöckchen nicht passieren. Sie werden auch nach mehrmaligen Temperaturkapriolen wieder unversehrt unter dem Schnee hervorspriessen – und  leuchten. Denn die weissen Blütenkelche reflektieren das UV-Licht und deshalb findet auch das wintermüdeste Bienchen, das seine Augen noch kaum offen halten kann, diese erste Nektarquelle.

Ein weiterer gern gesehener Vor-Vorfrühlingsbote: Der Haselstrauch voller Kätzchen. Wer jetzt traurig ist, weil in seinem Garten keine Schneeglöckchen blühen, der kann diesem Missstand schnell abhelfen: Bereits im September können, vor allen andern Blumenzwiebeln, Schneeglöckchenzwiebeln gekauft werden. Der Haken dabei ist, dass die kleinen Zwiebelchen keine Trockenheit ertragen und deshalb schnellstens gepflanzt werden müssen. Wenn sie denn nicht schon beim Abpacken unter Feuchtigkeitsmangel litten.

Geteilte Freude

Deshalb eine weit einfachere und sicherere Methode: Wer bei Bekannten oder Nachbarn im Garten grosse, reichblühende Schneeglöckchenhorste sieht, fragt ganz lieb, ob nach der Blüte nicht eine Handvoll Pflanzen abgestochen werden dürften. Weil sich die kleinen Frühblüher willig vermehren, sollte das kein grosses Problem sein. Die ausgegrabenen Pflänzchen mitsamt Wurzeln und Erde schleunigst an ihrem neuen, am besten etwas feuchten Standort in gute Erde einpflanzen – und schon im nächsten Jahr hat man sein eigenes Frühlingswunder vor dem Fenster.

Lohnenswerter Ausflugstipp

Wer keinen Garten hat, der könnte sich jetzt in den Meriangärten in Basel an den kleinen Blühwundern erfreuen. Denn dort ist eine eigentliche Schneeglöckchensammlung im Aufbau. Rund 40 Sorten sind bereits zu sehen – zum Teil nur als einzelne Pflanze. Einen Grundstock erhielten die Gärten vom Zoll: In der Türkei ist die Ausfuhr des wild wachsenden Grossen Winterschneeglöckchens (Galanthus elwesii) aus Gründen des Artenschutzes verboten. Als vor einigen Jahren ein Lieferung mit rund 300'000 dieser Pflänzchen am Zoll abgefangen wurden, wanderten diese statt auf den Kompost in die Beete der historischen Parkanlage am Rande der Stadt Basel. Und blühen und duften und läuten den Frühling ein.

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