13.05.2018 - Anton Schaller

Sind unsere Renten 25 Prozent zu hoch....

...und führen wir Rentnerinnen und Rentner tatsächlich ein Leben auf Kosten der Jungen? 

„Hiermit möchte ich mich in aller Form bei den jungen Arbeitnehmenden entschuldigen. Es tut mir wirklich aufrichtig leid, dass ich sie ausnutze und mich von ihnen durchfüttern lasse“, schreibt Dorothea Zingg in Zürich mit ironischem Unterton in ihrem Leserbrief im Tagesanzeiger.

Dorothea Zingg reagierte damit auf die Analyse der Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge OAK BV, welche in der vergangenen Woche in den Medien für Schlagzeilen sorgte. Nach dieser Analyse flossen in den letzten vier Jahren durchschnittlich je 6,5 Mia. Franken pro Jahr von der aktiven Bevölkerung an uns RentnerInnen. Unsere Renten müssten um einen Viertel gesenkt werden, damit die Pensionskassen ins Lot kämen, war der Tenor.

Nach Dr. Vera Kupper Staub, Vize-Präsidentin der Kommission, resultierte diese Zahl aus einem Vergleich zwischen den jährlichen Kosten der Rentengarantien für die Jahre 2014 bis 2017 mit den Zinsversprechen für die Aktiven. Unsere Renten sind tatsächlich gesetzlich garantiert. Die Anlagerisiken unserer angesparten Gelder haben gesetzlich die aktive Bevölkerung und die Arbeitgeber zu tragen. In dieser Hinsicht sind wir fein raus.

Unsere Renten aus der zweiten Säule basieren auf einem Umwandlungssatz auf dem obligatorischen Bereich zum Teil von gar 7,2%, gesetzlich aktuell 6,8%. Als Grundlage für die Berechnung der Leistungen ging man von einem Zinsversprechen über die Jahre hinweg von 4 Prozent aus. Die durchschnittliche Verzinsung der Altersguthaben betrug im Jahr 2017 aber nur 1.95%. „Das aktuelle Ausmass der durch die Rentengarantie ausgelösten Umverteilung ist“, aus Sicht von Vera Kupper Staub, „folglich erheblich“. Zu beachten ist in diesem Satz das Wort: „aktuell“. Und schon immer, wenn die Pensionskassen rechnerisch aktuell in finanzielle Bedrängnis gerieten und geraten, ging und geht ein Aufschrei durch die Medien: Handeln! Vom „Rentenklau“ ist diesmal noch nicht die Rede. Das wird noch kommen.

Es gibt aber auch andere Zahlen in den Studien der Oberaufsichtskommission: Die durchschnittlich erwirtschaftete Nettorendite der Schweizer Vorsorgeeinrichtungen hätte im Jahr 2017 6.9% (gegenüber 3.6% im Vorjahr) und bei den öffentlichrechtlichen Vorsorgeeinrichtungen mit Staatsgarantie gar 8.2% (Vorjahr: 3.9%) betragen. Mit den weit über den Erwartungen liegenden Renditen hätten sich die ausgewiesenen Deckungsgrade der Vorsorgeeinrichtungen ohne Staatsgarantie im Durchschnitt von 107.1% Ende Vorjahr auf 110.% und bei den öffentlichrechtlichen Vorsorgeeinrichtungen mit Staatsgarantie von 79.7% Ende Vorjahr auf 82% verbessert. Es sind also nicht nur die Verzinsung, die in die Betrachtungen einbezogen werden muss, sondern auch die wirtschaftlichen Perspektiven.

Und über die Zukunft der Beruflichen Vorsorge entscheiden eben immer diese wirtschaftlichen Perspektiven, die Börsenkurse und insbesondere das aktuelle Zinsniveau. Die tiefen Zinsen bringen auf der einen Seite geringere Erträge, entlasten aber auf der anderen Seite die Verzinsung der Hypotheken. Folgen weitere gute Börsenjahre wie 2017, wird das Zinsniveau, wie schon lange immer wieder angekündigt, steigen, werden die Pensionskassen ihre Erträge wieder verbessern und sich dem Zinsversprechen von rund 4 Prozent annähern können.

Nichtsdestotrotz ist die Sanierung der beruflichen Vorsorge dringend. Am 24. September 2017 hat es das Schweizer Volk verpasst, einen wichtigen Sanierungsschritt zu vollziehen; der Umwandlungssatz wäre auf 6,0 Prozent gesenkt worden. Das hätte den Pensionskassen eine spürbare Entlastung gebracht. Zugegeben: Auch das hätte die Pensionskassen-Ansprüche der Jungen reduziert.

In der Tat: Wir Rentner mit einer guten Pensionskasse sind privilegiert; unsere Bezüge sind gesetzlich garantiert, noch. Wenn aber nichts passiert, wenn wir uns alle, zuerst Bundesrat, Parlament und letztlich mit uns, dem Volk, nicht zu einer umfassenden Rentenreform aufraffen können, nicht endlich zu einer guten austarierten Lösung kommen, werden auch unsere garantierten Renten auf den Prüfstand kommen. Noch schreibt die NZZ: „Die Forderung nach einer Senkung der laufenden Renten würde wohl politischem Selbstmord gleichen, weil drei Fünftel der Urnengänger über 50 Jahre alt sind“. In einer Phase, in der schleichend die sozialen Errungenschaften überall abgebaut werden, wird auch diese Einschätzung letztlich ins Wanken kommen.

Die Vorsorge darf aber nicht allein betrachtet werden. Sie ist in das gesellschaftliche, in das soziale Gefüge einzuordnen. Wir leisteten Beiträge an die Sozialversicherungen (AHV und BVG) während der ganzen Zeit unseres Berufslebens, finanzierten die Renten unserer Eltern, Grosseltern mit. Wir zahlten Steuern und tun es noch, zahlen Steuern aufgrund unserer Rentenbezüge. In ihrem Leserbrief weist Ruth Fries aus Wallisellen auf eine weitere, ganz wichtige Leistung der ältern Generation hin. Sie schreibt: „160 Millionen Stunden hüten jährlich Grosseltern ihre Enkelkinder und schaffen damit einen volkswirtschaftlichen Wert, den das statistische Amt auf 8,146 Mia Franken schätzt.“

Der Betrag kommt den 6,5 Mia. nicht nur nahe, er übersteigt diese gar. Natürlich kann man nicht Apfel mit Birnen vergleichen, doch die Solidarität ist auch nicht immer haargenau zu messen, zu vergleichen. Sie ist zu leben.

PS: Die eingangs zitierte Dorothea Zingg folgert in ihren Leserbrief am Schluss: „Ich habe mir überlegt, ob ich einer Teilzeit-Arbeit nachgehen sollte, um meine Bezüge sozusagen zu bevorschussen. Aber dann würde ich den jungen Arbeitnehmenden ja nicht nur das Geld, sondern auch noch die Arbeit wegnehmen“.

 

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