09.03.2018 - Sonja Kolb

Skandale, Korruption, Mord

Nicolas le Foch ist jung und unerfahren. Als angehender Commissaire soll er Skandale, Korruption und Mord aufklären, in Paris zu Zeiten Louis XV. Ein spannender historischer Krimi.

Paris im Winter 1761: in den Strassen und Gassen tobt der Karneval, Spielhöllen florieren, Bordelle werden geradezu überrannt. Der junge Nicolas le Foch verlässt seine Heimat in der beschaulichen Bretagne, ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben an den Polizeipräfekten von Paris. Und dieser zögert nicht, den jungen Mann zu engagieren und ihn zunächst mit einer scheinbaren Bagatelle zu betrauen. Er soll den Korruptionsverdacht gegen einen Polizisten aufklären. Was harmlos beginnt, mündet in den tiefen Sumpf des Sündenpfuhls Paris.

Ein spannender Wälzer

Zugegeben, es ist ein Wälzer mit rund 450 Seiten. Und wenn man das Buch aufschlägt, trifft man zunächst auf eine Liste von Personal – sie ist mehr als umfangreich. Und trotzdem: Es lohnt sich einzusteigen und einzutauchen. Schon der Prolog verspricht einiges: Zwei Männer, ein Metzger und ein ehemaliger Soldat leeren Fässer aus auf einem Abdecker-Gelände ausserhalb von Paris. Sie werden beobachtet von einem Freudenmädchen, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Emilie, jetzt Suppenverkäuferin und Bettlerin, beobachtet die Männer. Sie verschwinden in der Dunkelheit; es kommen die Raben, die Ratten, später die Hunde…

Ein Jüngling in der Grossstadt

Nicolas, das Findelkind, aufgezogen in einem Stift, verliebt sich in die Tochter seines adligen Patenonkels, reist contre coeur nach Paris. Und lernt dort das richtige Leben kennen. Verirrt und verwirrt, aber ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben, wird er nach Wochen von Monsieur de Sartine empfangen, der soeben zum Polizeipräfekten ernannt wurde. Der König selbst hat ihn beauftragt, in besonders delikaten Fällen auch mal ausserhalb des Gerichts zu entscheiden - was immer das auch heisst.

Von seinem neuen Angestellten Nicolas verlangt de Sartine vor allem Redlichkeit, Diskretion, Umsicht, die Fähigkeit zu vergessen und mit Vertraulichem richtig umzugehen. Wachsam und unbestechlich soll er sein. Kommissar Lardin wird sein direkter Vorgesetzter. Bei der Arbeit wird Nicolas nichts erspart, nicht die Streitereien zwischen Mietern, nicht das Leichenschauhaus, nicht die Henker, die Spitzel, die Prostituierten und auch nicht die Welt des Glückspiels.

De Sartine horcht den jungen Mann aus über dessen Chef Lardin. Der Polizeipräfekt will vor allem verhindern, dass Volksaufstände ausbrechen, weil die Kommissare korrupt sind. Glücksspiel, Ausschweifungen in Bordellen und Diebstähle, alles ist eng vernetzt – nicht zuletzt mit Polizisten. 

Lardin verschwindet

Nach mehr als einem Jahr wird Nicolas zurück in die Bretagne gerufen, weil sein Vormund schwer erkrankt ist. Er stattet auch seinem Patenonkel einen Besuch ab und will erkunden, warum sich dessen Tochter Isabelle nie gemeldet hat. Das bleibt ein Geheimnis, das ihm der Marquis nicht anvertrauen will.

Bei seiner Rückkehr nach Paris ist der Karneval mit wüsten Ausschweifungen in vollem Gang. Und: Kommissar Lardin ist seit drei Tagen und Nächten verschwunden ist. Er hatte die Aufgabe, eine illegale Spielbank auffliegen zu lassen, de Sartine zweifelt jedoch an Lardins Loyalität. Auch andere Kommissare stehen in Verdacht, die Spielhöllen zu schützen mit Hilfe von dubiosen und gefährlichen Gestalten. Nun soll Nicolas Lardin finden. Er bekommt weitgehende Befugnisse, zur Unterstützung Inspektor Bourdeau und 20 Louisdor für allerlei nützliche Ausgaben.

Die beiden Polizisten treffen im Leichenschauhaus Dr. Semacgus, einen Freund der Lardins. Er hat am Tag des Verschwindens von Lardin mit ihm ein höchst zweifelhaftes Etablissement besucht: Im Erdgeschoss wird gegessen, im Keller illegal gespielt und in der ersten Etage warten die Mädchen. Der Diener Saint-Louis sollte auf Semacgus warten – aber er verlässt seinen Posten und bleibt ebenfalls verschwunden.

Im Bordell kommt es derweil zu einem Eklat: Lardin reisst einem Mann die Maske vom Gesicht. Es ist Henri Descart, der Cousin von Madame Louise Lardin. Die beiden Männer geraten hart aneinander, Lardin bezichtigt Descart, mit seiner Frau ein Verhältnis zu haben. Kurz darauf geht Lardin weg – und wird nicht mehr gesehen.

Kreuz-und-Quer-Liebschaften

Schliesslich erfährt Nicolas bei seinen diffizilen Vernehmungen ein nicht unbedeutendes, pikantes Geheimnis: Louise Lardin ist eine gefährliche, nicht unbedingt wählerische Frau, wenn es um Liebschaften geht. Semacgus hat ihr einmal nachgegeben und wurde von Decart dabei überrascht. Dieser seinerseits vergnügte sich ebenfalls mit Louise und wurde von der Köchin erwischt. Diese wiederum hat keine Geheimnisse vor Marie, der Tochter des Hauses. Motive noch und noch für einen Mord.

Kommissar Zufall hilft bei den Ermittlungen ein bisschen: Nicolas und sein Inspektor stossen auf einen Bericht der Nachtwache über Geschehnisse in der Abdeckerei bei Montfaucon. Und die Bettlerin Emilie führt sie auf die Spur: Zwei Männer haben Fässer mit einer blutigen Flüssigkeit entleert und Kleider angezündet. Im Schnee finden die Ermittler menschliche Ueberreste und den Stock von Lardin. Bei ihrem Tun werden sie von weitem von einem einsamen Reiter beobachtet. Sie selber bemerken ihn nicht.

Eine Entdeckungsreise ins alte Paris

Geheimnisse, Verwirrnisse, Verhältnisse – es mangelt nicht an Irrwegen, falschen und aufschlussreichen Fährten in diesem Krimi. Gerade deshalb ist er lesenswert. Aber nicht nur deswegen: Auch Leser, die das moderne Paris gut kennen, werden auf eine Entdeckungsreise geführt: in den Schmutz, den Schlamm, den Ueberlebenskampf der Unterschicht zu Zeiten, als alle Macht und alle Lebensqualität den Königen, dem Adel und dem Klerus gehören. Von Liberté, Egalité, Fraternité ist da noch keine Rede.

Sehr hilfreich ist ein Stadtplan im Buchumschlag und das Personenregister. Und vor allem auch der Anhang mit Kurz-Beschreibungen der historischen Persönlichkeiten, die im Roman vorkommen oder erwähnt werden. Zudem macht man vielleicht auch spezielle Entdeckungen: Was etwa sind Bavaroises oder „Soule Partien“?

Jean-François Parot: „Commissaire Le Floch & das Geheimnis der Weissmäntel“, erschienen im Blessing Verlag – ISBN 978-89667-573-6 – 453 S.

Hinweis: „Commissaire Le Foch & der Brunnen der Toten“ erscheint im April 2018.

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