13.04.2019 - Ruth Vuilleumier

Spaziergang durch die Geschichte

Die neue Dauerausstellung zur Schweizer Geschichte im Landesmuseum beschreibt das Werden der Schweiz über einen Zeitraum von 550 Jahren.

Wer erinnert sich nicht an den imposanten, etwas gruseligen Waffensaal, als man als Kind das Landesmuseum besucht hatte. Die neuinszenierte Ausstellung beginnt ebenso mit Waffen, kunstvoll gestaltet in einem riesigen Strauss langstieliger Spiesse und Halbarten, mit denen die alten Eidgenossen einst die feindlichen Reiter auf Distanz hielten. Doch hier werden keine Schlachten glorifiziert. Der „Waffenstrauss“, auch eine Metapher für den sozialen Zusammenhalt, denn erst Bündnisse ermöglichten ein dauerhaftes Zusammengehen.

Bündnisse und Kriegszüge im 15. Jahrhundert im schwarzen Raum

Die Ausstellung beleuchtet chronologisch den langen Entstehungsprozess der Eidgenossenschaft vom Staatenbund zum Bundesstaat bis zu den Herausforderungen heute. Auf 1000m² präsentiert sie etwa 1000 Objekten vorwiegend aus eigenen Sammlungsbeständen. Die Schau ist didaktisch gut aufgebaut, jedem Jahrhundert ist ein Raum in einer eigenen Farbe zugeordnet. Übersichtstexte und Zeittafeln werden von Informationen an den Hörstationen oder auf Touchscreens ergänzt.

Die klare Einteilung in einzelne Jahrhunderte vereinfacht die Lesbarkeit. Die Untertitel mit Paarbegriffen weisen auf die komplexen Strömungen einer Epoche hin. Die vielen lokalen, sprachregionalen und grenzüberschreitenden Ereignisse machen deutlich, dass die Weichenstellung in der Geschichte auch in eine ganz andere Richtung hätte führen können. Die Vergangenheit ist in sich geschlossen, sie lässt sich auf unterschiedliche Arten erzählen. Doch die Ausstellung wagt auch einen Ausblick auf die Geschichte der Gegenwart und formuliert Fragen, deren Antworten die Zukunft bestimmen werden.

Tagsatzung in Baden 1531, Druckgrafik, 1793, Radierung von Peter Vischer, Basel

Der Raum zum 16. Jahrhundert (Reformation und Tagsatzung) veranschaulicht, wie die junge Eidgenossenschaft funktioniert, wie sich die 13 Orte regelmässig zu Tagsatzungen für Verhandlungen und zur Koordination ihrer Aussenpolitik in Baden treffen. Im Inneren wird die Eidgenossenschaft durch die Reformation und die Konfessionsspaltung auf eine harte Probe gestellt. Das Söldnerwesen wird von den Reformatoren bekämpft, blüht aber als einträgliches Geschäft in den katholischen Orten. So verliert ein erfolgreicher Söldnerführer sein Bürgerrecht in Zürich, wird dafür im katholischen Solothurn eingebürgert.

Im 17. Jahrhundert (Bürgertum und Soldgeschäfte) wird die Eidgenossenschaft vom Dreissigjährigen Krieg weitgehend verschont, aber die gefragten Schweizer Söldner kämpfen fern der Heimat auf beiden Seiten. Soldunternehmer machen mit voll ausgerüsteten Regimentern florierende Geschäfte, was das eidgenössische Zusammenspiel von reformiert und katholisch herausfordert. Durch grösseren Reichtum bildet sich in den Städten ein selbstbewusstes, politisch gut organisiertes Bürgertum heraus, das seinen Stand in reformierten Orten mit diskretem Luxus repräsentiert.

Der Zürcher Regimentsspiegel bildet das Regierungssystem der Zunftstadt ab mit allen Ämterinhabern von 1490 bis 1798

Der in gelber Grundfarbe gehaltene Raum für das 18. Jahrhundert (Aufklärung und Empfindsamkeit) wirkt leicht und unbeschwert. Die Porträtgalerie legt hier den Fokus auf die Stadt Genf, wo Philosophen wie Voltaire und Rousseau debattieren und wo in Salons Männer und Frauen engagierte Gespräche über gesellschaftspolitische Reformen führen. Liebesheiraten und Elternliebe sowie die Emotionalisierung aller Lebensbereiche setzen sich im Bürgertum durch. Heimarbeit führt zu einer frühen Form der Industrialisierung. Naturforscher vermessen die Schweizer Berge, idealisieren die Alpenwelt, versuchen landwirtschaftliche Erträge zu steigern. Im Geist des ‚Zurück zur Natur‘ lassen sich die wohlhabenden Bürger in Zürich und Basel ihre guten Stuben mit umlaufenden idealen Landschaften ausmalen.

Zürcher Landschaftszimmer (Ausschnitt), 1755, aus dem Haus „Zur Stelze“, Neumarkt 11, von Johann Balthasar Bullinger (1713-1793)

Das 19. Jahrhundert (Bundesstaat und Industrialisierung) zeigt, wie sich in den 1830er Jahren liberale Kräfte durchsetzen und die Landbevölkerung mit den Stadtbürgern gleichstellen. 1848 wird aus dem Staatenbund ein föderalistisch geprägter Bundesstaat mit einer einheitlichen Währung. Das Eisenbahnnetz wird ausgebaut. Der Bund erhält mehr Einfluss auf Armee und Post, in Bern wird das Bundeshaus gebaut. Trotz des industriellen Aufbruchs gibt es Armut, so dass viele Schweizerinnen und Schweizer auswandern müssen.

Der Appenzeller Karl Krüsi (1855-1883) wird in der niederländischen Kolonie Sumatra mit Tabak reich, «Sumatra & Johore», Fotoalbum 1874-1883

Das 20. Jahrhundert (Weltkriege und Wirtschaftsboom) präsentiert die militärische Rüstung der beiden Weltkriege sowie den geplanten Rückzug der Armee ins Reduit im 2. Weltkrieg, aber auch die Aufrüstung im Kalten Krieg. Der zweite Teil thematisiert den Wirtschaftsboom und den gesellschaftlichen Aufbruch. Soziale Fragen bis hin zur Einführung der AHV 1947, der Aufschwung seit den 1950er Jahren, Gastarbeiter, Forderungen nach sozialen Rechten für Frauen, Freiräume für Jugendliche, Ökobewegung werden mit einzelnen prägnanten Objekten und Fotografien veranschaulicht.

Helvetia mit Speer im Anschlag, FBB-Transparent, um 1976, Helen Pinkus-Rymann und Margareta Peters, Zürich. Foto: Schweizerisches Sozialarchiv

Das 21. Jahrhundert (Geschichte der Gegenwart) thematisiert die globalisierte Schweiz mit ihrer direkten Demokratie. Fünf zentrale Herausforderungen werden zur Debatte gestellt: Robotik, Klimawandel, Migration sowie Fragen der Souveränität und zur Lebenserwartung. Die Besucherinnen und Besucher haben die Möglichkeit, sich an Touchscreens mit den Fragen auseinanderzusetzen und ihre Antworten zu finden.

Die Ausstellung ist sehr anregend und besucherfreundlich gestaltet. Sie eignet sich nicht nur für Schulklassen, sondern auch für Eltern und Grosseltern, sie mit den Kindern gemeinsam anzuschauen, mit Erinnerungen zu verbinden und gemeinsam darüber zu diskutieren.

Teaserbild: Modell des Parlamentsgebäudes, Massstab 1:100, Herstellung: Zaborowsky Modellbau, Zürich. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

 Fotos: Ruth Vuilleumier

 „Geschichte Schweiz“ Ausstellung und Veranstaltungen im Schweiz. Landesmuseum, Zürich

 

Abonnieren Sie unseren Newsletter seniornews: 
Nach Oben