18.02.2019 - Fritz Vollenweider

Theatralisch aufmüpfiger Gott

Der Allmächtige, inkarniert in Uwe Schönbeck, rückt sein Verhältnis zur Schöpfung ins richtige Licht – im Effingertheater Bern.

Es gab und gibt ja da einiges Unverständliches in der Gott-Mensch – Beziehung. Was Wunder, wenn da der Allmächtige in den Leib «des bekannten Schauspielers Uwe Schönbeck» schlüpft und sich von Pater Wohlfahrt (Andreas Krämer) und seinem Vertrauten, dem Erzengel Gabriel (Aaron Frederik Defant) in einem so antiquierten Gefährt wie die Sänfte zur Erde kutschieren lässt, um die Verhältnisse ins richtige Licht zu rücken. Denn die Bibel, so Gott, bediene sich da, zugegeben, einiger «künstlerischer Freiheiten». Und im Verlauf der Geschichte hat sich manches verwässert, anderes neu eingeschlichen. Vieles ist auch falsch verstanden worden…

Vor allem die zehn Gebote passen dem Herrn nicht mehr. Anhand der Neufassungen erklärt Gott, was er da so meint.

Wahrheiten und Hintergründe im Broadway-Drama verpackt

Erfunden hat «Gott der Allmächtige», diese zeitgemässe Auseinandersetzung mit religiösen und kulturellen Konflikten David Javerbaum, 1971 geboren, in New York lebend und mehrfach preisgekrönter Autor. Seine Persönlichkeit und sein Umgang mit sogenannten «ewigen», «kulturellen» oder gesellschaftlichen unumstösslichen Wahrheiten lässt auf eine hohe ironische Begabung schliessen, verbunden mit einer eindrücklichen Gewandtheit des Ausdrucks und mit verblüffender Fähigkeit zur Persiflage und Satire. DAS THEATER an der Effingerstrasse bringt die deutsche Fassung von Kevin Schroeder zur Schweizer Erstaufführung. Die Inszenierung erarbeitete Stefan Meier im Spielraum von Peter Aeschbacher, im Hintergrund verstaubt angedeutete restaurationsbedürftige Kirchenwände, kontrastiert mit einem unsäglich hässlichen Sofa, das dem vom Redeschwall ermüdeten Gott zeitweise als Ruhestatt dient, jedoch ironisch auch als Thron verstanden werden könnte. Die Kostüme von Sybille Welti passen ins Bild: Pater Wohlfahrt als Randfigur trägt seine «Uniform», der Erzengel Gabriel trägt High Heels, weisse Hosen, nackten Oberkörper und dunklen Vollbart. Doch was für ein grotesker Kontrast zeigt der Anzug von Gott Uwe Schönbeck! Schlafrockähnliche weite Jacke, in den Schuhen unmögliche Ringelsocken – ein Inbegriff von Spiessigkeit!

Eruptiver Redeschwall

Aaron Frederik Defant, der Assistent und Uwe Schönbeck, der Allmächtige

Gott/Schönbeck gestaltet seinen Text, seine Belehrungen, Erklärungen Richtigstellungen, aber auch ernst zu nehmende Aspekte der Auseinandersetzung Mensch-Gott und Schöpfung-Evolution so virtuos wie ein Instrumentalsolist die Stimme aus seiner Partitur. Es gibt auch Pausen, Unterbrechungen, die zu dieser sprechenden Gestaltung gehören. Die Körpersprache, die Mimik, sie spielen mit. So fügen sich Sprech- und Darstellungskunst überzeugend zum Inhalt, zur Botschaft des Stückes. Der Redeschwall enthält sehr viel Witz, die dargestellten Themen werden satirisch und ironisch gespiegelt, zum Teil gar mehrfach. Sein Erzengel-Assistent wirkt hilfreich, meistens devot, manchmal auch aufmüpfig. Als besonders gelungenes Element der Inszenierung darf die musikalische Untermalung der Handlung gelten. Andreas Krämer, an sich als Pater eine dramatische Randfigur, wird zum gleichwertigen Konterpart des Hauptdarstellers mit seinen musikalischen Interventionen auf konventionellen und aussergewöhnlichen, zum Teil fantasiereich selbst erfundenen und gebauten Instrumenten.

Was schliesslich ist die Botschaft des Stücks? Es geht nicht um theologische oder religionsthroretische Auseinandersetzungen. Worum es geht, sind die Menschen, die ein Weltverständnis entwickelt haben, das manchmal mehr Fragen und Probleme als Antworten und  Wahrheiten umfasst. Und es geht um einen Gott, der in der Gegenwart oftmals auch in theologischen Fachkreisen nicht mehr dieselbe Bedeutung hat, nicht mehr gleich oder ähnlich umschrieben werden kann, wie zu früheren Zeiten. Aber es geht dabei nicht ums Disputieren. Analog zur Aufforderung, dass man sich kein Bild von Gott vorstellen solle, werde die drängenden Fragen gleichsam in den verstandesgesteuerten Raum verwiesen. Die drängenden Fragen schweben als Satire, Grosteske, Ironie und mehrfach spiegelnder Witz über den Feuchtgebieten des Ungewissen wie ein Geist. Und was Autor, Regisseur, Darsteller daraus machen, ist höchst vergnügliches und dabei anspruchsvoll witziges und geistreiches Theater. Allfällig erwartete Lösungen sind ganz woanders, hier werden nur Möglichkeiten aufgezeigt.

Von links: Andreas Krämer (Musik und Pater Wohlfahrt), Aaron Frederik Defant (Erzengel Gabriel), Uwe Schönbeck (Gott)

Aufführungen bis 15. März 2019.
Alle Bilder: © Severin Novacki

DAS THEATER an der Effingerstrasse

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