10.09.2018 - Eva Caflisch

Tiger, Spatzen & Co.

Die grossartige Bilderwelt des japanischen Malers Rosetsu (1754 - 1799) im Museum Rietberg

Yin und Yang – Tiger und Drache beschützen den Buddha am heiligsten Ort im kleinen Muryoji-Zenkloster von Kushimoto, das – nachgebaut nun als Mittelpunkt der Ausstellung Rosetsu. Fantastische Bilderwelten aus Japan im Museum Rietberg steht.Ein Ausnahmekünstler aus dem Japan des 18. Jahrhunderts in einer Ausnahme-Ausstellung. Noch nie konnte Nagasawa Rosetsu (1754 -1799) so umfassend gezeigt werden, wie jetzt im Museum Rietberg. In Japan wird der grosse Maler zwar regelmässig ausgestellt, aber dann fehlt ein Grossteil der Werke, die irgendwo sonst auf der Welt Museen und Sammlern gehören, zugleich gilt das viceversa.

Die Kuratoren Khanh Trinh und Matthew P. McKelway (Columbia University NYC)  mit der Delegation aus Japan, dem Abt des Muryōji-Klosters in Kushimoto und dem Direktor des Bunkachō mit Übersetzerin

Mit der Konservatorin für Japan und Korea Khanh Trinh beschäftigt das Rietberg eine der weltweit seltenen Rosetsu-Spezialistinnen; ihr gelang es, das japanische Amt für Kulturelle Angelegenheiten der Regierung Bunkachō und vor allem den Abt des Muryōji-Zenkloster von Kushimoto zu überzeugen, dass die fragilen Werke auf Papier oder Seide für wenige Wochen in Zürich ausgestellt werden können. Ein absoluter Glücksfall, dem das Museum mit einer besonders eindrücklichen Präsentation und einem reichen Vertiefungsprogramm für klein und gross gerecht wird.

Der Drache, der mit dem Tiger den Buddha bewacht. Tusche auf Papier 1786. Muryoji, Kushimoto. Wichtiges Kulturgut

Weil die Schatzkammer des Zen-Kloster im Süden Japans renoviert wird, hat es sich ergeben, dass die wertvollen Schiebetüren-Ensembles, welche Rosetsu einst malte, die weite Reise antreten konnten. Nun steht im grossen Ausstellungsraum des grünen Smaragds im Rietberg-Park ein japanischer Tempel, dem Original getreu nachgebaut und vor allem rundum mit den wertvollen Schiebetür-Paneelen ausgestattet.In einer Nacht – geht die Legende – habe Nagasawa Rosetsu die beiden Beschützer der heiligen Buddhastatue – zur Linken den Drachen und zur Rechten den Tiger – gemalt, jede Figur sich über sechs Paneele, mehrere Meter erstreckend. Auch die originale Bronze-Statue, geschaffen um 1300, ist hergereist und steht für die Dauer der Ausstellung in ihrer Nische.

Im Raum rechts, einer Art Wartezimmer für Pilger, stellt Rosetsu chinesische Kinder bei den Vier Arten des eleganten Zeitvertreibs Kalligraphie, Malerei, Musik und Brettspiel dar. Überhaupt nicht so, wie wir uns eine fernöstliche Schule vorstellen. Die Buben und Mädchen treiben Allotria, da malt eins seinen Nachbarn mit dem Tuschpinsel an, einer patscht seine schwarz gefärbten Hände aufs Papier, der fröhliche Lärm scheint geradezu hörbar: Statt das beliebte Motiv des eleganten Zeitvertreibs regelkonform oder angemessen wiederzugeben, parodiert es Rosetsu. Die Pilger in diesem Warteraum des Klosters hatten damit gewiss auch ihren Spass.

Vögel, Tiere und Blumen. Zehnter Monat 1795. Detail aus einer Handrolle, Tusche und Farben auf Seide. Chiba City Museum of Art

Dank der Tempelrekonstruktion wirken die Bilder so, wie sie sich Rosetsu einst ausgedacht hatte, erlebt man Räume, sieht, dass die Türpaneele jeweils über Eck in einem 90-Grad-Winkel zueinander stehen. Mit diesem Wissen gelingt es auch bei flach ausgestellten mehrteiligen Arbeiten, sich die Kommunikation zwischen der einen und der anderen Seite vorzustellen: in den acht Türpaneelen aus Nara beobachten neugierige und muntere Spatzen von einem niederen Fels aus nicht uns Betrachter, sondern den Tiger auf der Pirsch.

Rosetsus Bildmotive sind gängig, er malt wie seine Zeitgenossen regelmässig Kinder, Welpen, Vögel, aber auch Blumen, Berge, den Mond und Geister. Er war technisch versiert und begabt, kühn und überaus unkonventionell, sollte ein Vergleich mit grossen europäischen Künstlern taugen, so wären Rembrandt oder Picasso zu nennen. Wer mehr von japanischer Malerei verstehen möchte, dem hilft diese monografische Ausstellung weiter: Hier ist die Entwicklung eines der grössten Maler Japans zu verfolgen, seine Vielseitigkeit zu erfahren, seine Souveränität, mit der er Traditionen und Regeln interpretiert, seine lockere Art, mit den Materialien umzugehen und vor allem ist auch seinem Humor zu begegnen.

Aus dem Album Acht Ansichten von Miyajima. 1794. Albumblatt. Tusche und Farbe auf Seide. Bunkachō

Beispielsweise in der Darstellung der beiden Zen-Exzentriker Kanzan und Jittoku, die spirituellen Vorbilder vergnügt und verstrubbelt im fröhlichen Gespräch, oder die kleine Zeichnung eines betrunkenen Gelehrten, spontan als Fingermalerei aufs Papier hingeworfen – hat er sich gemeint?

Ganz anders, altmeisterlich die Acht Ansichten der heiligen Insel Miyajima vor Hiroshima. Traumhaft sicher gesetzte Striche – Rosetsus Bootsverkehr mit den winzigen Segelschiffen vor der Küste scheint in Bewegung. Diese meisterhafte Pinselführung gibt es auch im Grossformat. Anzunehmen ist, dass er hin und wieder gestische Malerei vor Publikum machte, beispielsweise die fast bedrohlichen Felslandschaften auf Goldgrund. Performance-Kunst im 18. Jahrhundert.

Landschaft mit chinesischen Figuren. 1795-99. Tusche auf Blattgold auf Papier. Leihgabe des Metropolitan Museums of Art

Dass er sehr schnell arbeiten konnte, wird auch in der Hängerolle Gelehrte überqueren eine Brücke nachvollziehbar: Rot gekleidet und detailgenau ausgeführt gehen die beiden Figuren in Begleitung von weiteren über eine Brücke in tiefer Schlucht. An den Bergflanken stehen einzelne Bäume: obwohl nur mit wagerechten und senkrechten Pinselstrichen angedeutet klar als Kiefern erkennbar.

Gelehrte überqueren eine Brücke. 1788-1789. Detail einer Hängerolle. Rische und leichte Farben auf Papier. The San Diego Museum of Art

Im Vordergrund ebenso eindeutig zu sehen sind düstere steile Felsen und Wasser; in ganz naher Auflösung bleiben helle und dunkle scheinbar unstrukturierte, aber in grosszügiger Geste hingemalte Flecke. Abstrakte Malerei oder eher Informel avant la lettre wäre zwar nicht korrekt, aber zweifellos beeinflusste Rosetsu alle spätere Malerei Japans bis heute.

Sechzig Werke des Malers sind in der Ausstellung, eins davon ein Paar sechsteiliger Stellschirme mit Tieren, Figuren und Landschaften gehört nun dem Museum, erfolgreich ersteigert von Rosetsu-Forscherin und Ausstellungsmacherin Khanh Trinh.

bis 4. November
Mehr Information über Öffnungszeiten, Führungen und Begleitveranstaltungen (auch für Kinder und Familien) gibt es hier: rietberg.ch/rosetsu

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