29.03.2018 - Judith Stamm

Urform der Demokratie oder Kuriosum?

Unter dem Titel "Ds Wort isch frii" beschreibt Lukas Leuzinger auf erfrischende Weise Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Glarner Landsgemeinde.

Das Buch über eine der ältesten Formen der direkten Demokratie liest sich gut und ist leserfreundlich gegliedert. Da wird zunächst die Geschichte der Landsgemeinden in der Schweiz abgehandelt. Dabei steht diejenige von Glarus im Mittelpunkt. Findet sie doch, auch heute noch, immer am ersten Sonntag im Mai statt.

Wetterfeste Glarner und Glarnerinnen

Sei das Wetter wie es wolle, die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger durchstehen bei Regen oder Hitze stundenlang diese wichtige Versammlung, in der sie grosse Mitwirkungs- und Entscheidungsbefugnisse haben. Belustigt hat mich die im Buch zitierte Kritik des Staatsrechtsprofessors Rainer Schweizer: "An jedem Schwingfest gibt es heute ein Regendach. Nur bei der Landsgemeinde will man auf keinen Fall irgendetwas ändern".

Die Glarner Landsgemeinde. Die Geschichte über eine der ältesten Formen der Schweizer Demokratie.

Die Glarner Landesgemeine wurde 1387 erstmals urkundlich erwähnt. Daran erinnert der Landammann in seiner Eröffnungsrede jedes Jahr. Neben ihr existiert in der Schweiz heute nur noch die Landsgemeinde von Appenzell Innerrhoden.

Das Buch enthält auch einen reichen Bildteil. Wenn man sich hinein vertieft, wird die Fantasie angeregt und Leserinnen und Leser können sich gut vorstellen, wie diese Institution der "Versammlungsdemokratie" funktioniert. Besonders sympathisch fand ich natürlich die Bilder, auf denen sich Frauen für ihre Anliegen einsetzten. So sehen wir die SP-Landrätin Christine Schmidlin, die sich 1973 für kürzere Ladenöffnungszeiten stark machte. Aber auch die 16-jährige Danielle Hefti, die an der Landsgemeinde 2014 versuchte, ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger für eine kostenlose Standseilbahn nach Braunwald zu begeistern.

Auch Junge kommen zu Wort

Dieser jungen Frau begegnen wir dann noch einmal in jenem Kapitel, das Kommentare von Zeitgenossen über die Landesgemeinde zusammenfasst. Sie beschreibt ihre Gefühlslage bei der seinerzeitigen Abgabe ihres Votums: "Als ich ans Rednerpult trat, schlotterten meine Knie, und ich zitterte am ganzen Körper. Am Ende war es aber eine gute Erfahrung; ich bekam auch viele positive Reaktionen". Wermutstropfen: der Antrag wurde am Ende abgelehnt.

Der Autor versteht es, uns in einer leicht lesbaren Sprache die Landsgemeinde von Glarus nahe zu bringen. Es werden Beispiele von wichtigen Entscheidungen vor Augen geführt: 1919 wurde an der Landsgemeinde das Proporzwahlsystem eingeführt, 1971 wurde für das Frauenstimmrecht entschieden, obwohl die Gegner warnten, das würde den Tod der Landsgemeinde bedeuten. Jedoch: "Die Landsgemeinde 1972 (mit Frauenbeteiligung) lief reibungslos ab, und die Warnungen bezüglich der Zukunft der Institution verschwanden so plötzlich, als wäre dies nie ein Thema gewesen".

2007 wurde dann auch das aktive Stimmrechtsalter auf kantonaler und kommunaler Ebene von 18 auf 16 Jahre gesenkt, was über den Kanton hinaus beachtet wurde.

Immer wieder weist Leuzinger darauf hin, wie wichtig die Diskussion ist, die an der Glarner Landsgemeinde stattfindet. Wie Argumente vorgetragen, ausgetauscht und angehört werden. Mit einer gewissen Wehmut dachte ich während des Lesens an This Jenny, der von 1998 bis 2014 Ständerat des Kantons Glarus war. Von ihm sagten wir sinngemäss: " Er ist zwar in der SVP, aber man kann mit ihm reden. Und er getraut sich, eine eigene Meinung zu haben, unabhängig von der Partei." Die Landsgemeinde formt ihre Politiker, ist meine Schlussfolgerung.

Die "Allmacht" des Landammanns

Vor Jahren war ich an eine Glarner Landsgemeinde eingeladen. Was mich unerhört beeindruckte, war die "Allmacht" des Landammanns. Damit meine ich den Augenblick, in welchem der Landammann feststellt, welches "Mehr" das grössere sei. Es wird ja durch Handerheben, heute durch Aufhalten der Stimmzettel, abgestimmt. Bei knappen Ergebnissen ist es schwierig, abzuschätzen, welches Mehr in der Versammlung das grössere ist. Die Abstimmung kann wiederholt werden. Der Landammann kann seine vier Regierungsratskollegen, die sich neben ihm auf dem Podium befinden, zum Abschätzen zu Hilfe nehmen. Den Entscheid muss er aber alleine treffen. Und sein Wort gilt.

Natürlich existieren auch Ideen für Reformen der Landsgemeinde. Die Diskussionen darüber sind alt und naturgemäss kontrovers. Auch die Abschaffung wird immer etwa wieder aufs Tapet gebracht. Aber solange die Landsgemeinde von der Bevölkerung getragen wird, solange wird sie überleben!

Lukas Leuzinger: "Die Glarner Landsgemeinde: Geschichte, Gegenwart, Zukunft". 2018 NZZ Libro. ISBN 978-3-03810-326-4.

 

Abonnieren Sie unseren Newsletter seniornews: 
Nach Oben