19.04.2018 - Andreas Iten

Vaters Hahn

Frühe kindliche Erlebnisse schärfen die Wahrnehmung bis ins Alter.

Zu den grossen Erlebnissen des Staunens und der Bewunderung zähle ich jenen Moment, als Vater uns Kindern in der Küche unseres Bauernhauses einen Hahn präsentierte. Das ist mehr als siebzig Jahre her. Mir aber scheint, ich sehe die Szene noch immer vor mir und ich könne den Hahn in seiner ganzen Pracht schildern. Gewiss, frühe Bilder werden von späteren überlagert. Der Eindruck des Augenblicks aber bleibt. In unserer Wohnküche knisterte ein Feuer. Sie war dunkel, sodass das Licht auch tagsüber meist brannte. Aber dort, wo der Schüttstein stand, drang helles Licht in den Raum. Der Vater stellte den Hahn auf das Abwaschbrett, um ihn uns Kindern vorzuführen. Er hatte ihn einem Bauern abgekauft. Unser Hühnerhof verlange nach einem jungen kräftigen Hahn, mag er unserer Mutter erklärt haben.

Es brauchte eine Weile, bis Vater den Gockel beruhigt hatte. Dann aber hob er seine Schönheit hervor, den feuerroten Kamm und den Kinnlappen, das rötlich-braune Federkleid, den prächtig geschwungenen Sichelschwanz in leuchtenden Farben. Stolz war Vater auf den kräftigen Sporn am Bein, dessen Waffe, wie der Anschlagsporn des Reiters Ausdruck der Durchschlagskraft sei. Zwei-, dreimal hob der Hahn seine Flügel, als ob er davon flattern möchte. Vater aber hatte eines seiner Beine fest in der Hand. „Der wird nun das Regiment im Hühnerhof übernehmen.“ Und ich dachte wohl, er werde es tun wie Vater über uns Kinder und über den Knecht und über allen, die sich manchmal in unserer Küche um einen Doppelliter Most versammelten. Einer musste schliesslich das letzte Wort haben.

Von der Wohnstube aus sah ich auf den Hühnerhof und beobachtete stundenlang die Tiere. Ich sah den Gockel herumstolzieren. Er benahm sich wie ein Tyrann. Er war den Hühnern mit seiner Kraft weit überlegen und bändigte sie, in dem er auf sie hockte. Wenn Vater durch die Gittertüre in den Hühnerhof trat, um Futter zu streuen, verschaffte er sich den besten Platz. War das jeweils ein lautes Gackern, Stossen, Schieben.

Später als ich mich mit Konrad Lorenz beschäftigte, der das Tierverhalten des Federviehs erforschte, waren meine frühen Bilder wieder sehr präsent. Was da geschehen war, nannte der Tierforscher Hackordnung. Die stärksten Tiere verschafften sich Vorteile bei der Fütterung. Sie verscheuchten die schwächeren. Sie pickten auf sie ein. So wurden sie selber fett und dick und die anderen dünn und mager. Die satten Hühner überliessen ihnen die letzten Körner. Konrad Lorenz lesend wurde unser Hühnerhof in mir lebendig, zugleich auch Vaters Stolz, der den Prachtsgüüger feierlich zu loben wusste. 

Als ich vor Jahren wieder einmal im Museum Bargello in Florenz weilte, blieb ich lange vor dem „Jungen Hahn“ von Giambologna (1529-1608), dem grossen Bildhauer, stehen. Sein Hahn war prächtiger noch als der lebendige meines Vaters. So wie er die Schwanzfedern stellt, den Kopf über der ausgeprägten Brust zurückzieht, damit der Kamm wie eine Krone wirkt, so tat es Vaters Hahn denn doch nicht. Vielleicht hat der Bildhauer mit diesem Hahn sein selbstbewusstes Ich dargestellt, schliesslich gelangen dem Meister grossartige Werke wie der Raub der Sabinerinnen in der Loggia dei Lanzi auf dem Platz beim ehemaligen Regierungssitz, der Piazza della Signoria. Eine Karte, welche den Giambologna-Hahn zeigt, hat einen Ehrenplatz erhalten. Sie erinnert mich an Vaters Hahn und daran, dass frühe Bilder weiterleben und die Wahrnehmung schärfen.

 

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