18.10.2018 - Andreas Iten

Veränderung des Lebensgefühls

Die Unsicherheit und die Ungewissheit nimmt zu. Die Digitalisierung trägt dazu bei.

Der Mensch beurteilt alles, was ihm begegnet, aus dem Grunde seines Lebensgefühls. Dieses verändert sich mit den Erlebnissen und Ereignissen, die ihm im Lauf des Lebens widerfahren. Erfahrungen beeinflussen seine Gefühle. Der Mensch ist in Geschichten verstrickt. Je nachdem, wie sie ihn berühren und welche Rolle er in ihnen spielt, verändern sie seine Meinungen. Emotionen und Stimmungen, die er nicht reflektiert, können ihn fehlleiten. Gesellschaftliche Entwicklungen reissen den Menschen mit und bestimmen sein Verhalten. Wir registrieren eine zunehmende Unzufriedenheit und einen Vertrauensverlust in der Politik. Trotzdem verlangen wir von ihr, dass sie uns alles bereitstellt, was wir wünschen. Die Anforderungen an den Staat sind in den letzten Jahren ins Unermessliche gewachsen. Das war früher nicht so. Die Menschen haben sich weitgehend innerhalb der realen Möglichkeiten bewegt und sich nach der Decke gestreckt.

Verwöhnte Kinder reagieren gegenüber ihren Eltern ähnlich wie die Bürger gegenüber dem Staat. Kinder, die verwöhnt werden, verhalten sich zu den Eltern ambivalent. Sie nehmen gerne alles, was sie ihnen in den Schoss legen und sind mit ihnen dennoch nicht zufrieden. Sie spüren, dass das elterliche Verwöhnverhalten ihnen die Freiheit raubt, sich selbst zu werden und das eigene Leben zu verantworten. Ein ähnliches Phänomen finden wir dem Staat gegenüber. Von ihm wird maximale Sicherheit gefordert und er wird zugleich als Bürokratiemonster, das alles regelt, beschimpft.

Die digitalen Veränderungen verstärken das ambivalente Verhalten. Möglichkeit und Wirklichkeit geraten durcheinander. Digital ist alles zu erreichen. Was die digitale Welt möglich macht, ist real oft nicht zu erlangen. Dennoch wird der Staat als der grosse Ermöglicher der Begierden betrachtet. Weil die Wünsche aber oft unerfüllt bleiben, breitet sich grassierende Unzufriedenheit aus. Wehe jener Regierung, die vorschlägt, das Autofahren und den Flugverkehr steuerlich so zu belasten, dass die Schäden abgegolten werden, die der Ausstoss von Kohlenstoffdioxid verursacht.

Die Ambivalenz der Verwöhnung macht das Regieren schwierig. Ein trostloses Beispiel stellt Italien dar. Obwohl der Staat schon längst weit über seinen Verhältnissen agiert, wählen die Italiener eine Regierung, die ihnen Steuersenkungen, ein Bürgereinkommen und zahlreiche Vergünstigungen verspricht. Ein verwöhnter Mensch bekommt nie genug. Der Realitätssinn, der das Mögliche klar vom Verwirklichbaren zu unterscheiden vermag, geht verloren. Die Reflexion über diesen Spagat wird zudem unterdrückt, nicht nur von Populisten, sondern auch von der Werbung und dem Konsumismus. Die Folgen für die Zukunftsgestaltung sind der breiten Öffentlichkeit kaum bewusst. Das Mögliche versickert im Wirklichen und verändert das Lebensgefühl zugunsten des Virtuellen. Vielleicht ruft der Klimawandel die pragmatische Vernunft auf den realistischen Platz zurück.

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