26.08.2018 - Anton Schaller

Verludert die Schweiz?

Rohe Gewalt gegen Frauen, gegen die Polizei, gegen Sanitäter. Warum nur?

So einfach die Frage, so kompliziert die Antwort. Seit Tagen setzen die Medien Schlagzeilen und fokussieren sich auf d a s Thema: auf die zunehmende Gewalt im öffentlichen Raum. Die Redaktionen holen Meinungen von Politikerinnen und Politikern ein, aus allen politischen Lagern, sammeln Statements von Experten, eruieren Augenzeugen, lassen sie zu Wort kommen, mischen das alles zu grossflächigen Artikeln, stellen mehr oder weniger fundierte Analysen dazu, ergänzen sie mit Kommentaren, gar Karikaturen, um eine Frage zu klären: Wieso kommt es zu brutaler Gewalt auf den Strassen? In Genf gegen fünf Frauen, in Zürich gegen Sanitäter, gegen die Polizei. 

Die einen Medien differenzieren, andere klotzen und wieder andere haben eine ganz klare Meinung. „Die Schweiz verroht, weil sie verludert“, schreibt Roger Köppel in der Weltwoche. In der gleichen Ausgabe kommt Alex Baur, ebenfalls nicht ein Mann der feinen journalistischen Klinge, in seinem Bericht zum Schluss: “Landet mal ein Täter vor Gericht, entpuppt er sich in der Regel als unauffälliger Normalo, der unter dem Schutz des Mobs einfach mal die Sau rauslässt, wenn sich gerade die Gelegenheit bietet“. 

Bietet sich die Gelegenheit in Fussball-Stadien, in Eishockey-Hallen, kommt die Stunde des Normalos, wenn die Hooligans des FC Zürich auf ihre „Feinde“ von GC oder auf gewaltbereite Fans des FC Basel stossen, wenn die Polizei ausrückt, um eine Messerstecherei zu vereiteln. Ist das die Gelegenheit, die Sau rauszulassen? Mich schauderts. Und hat Alex Baur recht, wenn er in der Weltwoche schreibt: „Die Zuwanderung spielt eine untergeordnete Rolle, der Kern ist hausgemacht“.

Nur: Wer produziert den Baur`rischen „Kern“ im Hause Schweiz? Sind es Eltern, die ihre Kinder vernachlässigen, ist es die Schule, die den jungen Menschen nicht mitvermittelt, was sie zu eigenständigen, gewaltabholden Menschen macht, ist es die Politik, die vor lauter Sparen nicht die notwendigen Ressourcen für eine breitgefächerte Bildung bereitstellt? Sind es die Politikerinnen und Politiker selbst, wie sie mit der Migrationsfrage umgehen, die einen zu weich, die anderen zu hart? Sind es die neuen sozialen Medien, die eines zulassen, was man in diesem Ausmass nie erahnte: Eine gegenseitige Verunglimpfung, einen an den Pranger stellen, dem der Verunglimpfte wehrlos gegenübersteht? Ist es gar die Polizei, die zu martialisch aufritt und genau das auslöst, was sie verhindern will: die Eskalation der Gewalt? 

Es ist weder die Polizei, noch sind es die Eltern, noch die Schulen, noch die Politik, noch die Medien, noch das Internet allein, die den „Kern“ produzieren. Es ist eine Gesellschaft, die sich verändert, die, von der technologischen Entwicklung getrieben, laufend zu neuen Verhaltensregeln kommt. Es sind Menschen wie Donald Trump, der ungeniert Lügen an Lügen verbreitet, der mit den neuen Medien politisiert, folgenlos Menschen verunglimpft. Es sind die kriegerischen Auseinandersetzungen, die uns tagtäglich vor die Augen geführt werden, es sind Terrororganisationen wie der IS, die jungen Menschen geradezu mit ihrer rohen Gewalt zu faszinieren vermögen, sie gar zur rohen Gewalt verführen, selbst junge Schweizerinnen und Schweizer. Es ist die Migration, die Menschen zu uns führt, die in einer ganz anderen Tradition, mit einem völlig anderen Frauenbild sozialisiert worden sind? 

Und es ist auch und nicht zuletzt die zunehmend geforderte Selbstverantwortung der einzelnen Bürgerin, des einzelnen Bürgers, die in der Folge die Distanz des Einzelnen zu den Autoritäten des Staates verringert. Die Achtung schwindet, der Respekt nimmt ab. Das zunehmende Selbstbewusstsein ist aber auch die grosse Chance für unsere Gesellschaft. Eigenständigen, selbstbewussten Menschen ist eines unmissverständlich klar: Die Freiheit des Einzelnen endet an der Freiheit des Anderen. Und in der direkten Demokratie können wir alle diese Fragen vorbehaltlos diskutieren, können gemeinsam zu politischen Lösungen kommen, wenn wir den Respekt voneinander nicht verlieren.

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