14.02.2019 - Andreas Iten

Vom Schrecken des Erkennens

Der Schrecken erfasst den Menschen, wenn er erkennt, dass er sein Leben verfehlt hat.

Ich stelle mir einen alten Machtmenschen vor, der sein Volk geknechtet und die Menschen zu Sklaven seiner Ideologie gemacht hat. Er steht am Ende des Lebens und schaut in den Spiegel. Inzwischen hat er Macht und Einfluss verloren. In seinem Gesicht voller Flecken und Runzeln flackern die Augen. Er blickt auf die Leichen zurück, die Opfer seines Handelns geworden sind. Er liess Menschen ohne Gerichtsurteil ins Gefängnis werfen und zettelte Kriege an. Mit Lügen hat er sein Amt erschlichen und als Regent hinterliess er eine Spur der moralischen Verwüstung. Nun steht er am Rand seines Lebens. Er hat Gott für tot erklärt und das Gewissen so abgerichtet, dass es mit ihm nicht in Konflikt geriet. Schrecken und Leid, das er seinen Bürgern zugefügt, redete er als zwingend, um die Utopie eines gerechten Staates, wie er behauptet, zu erlangen. Mit Religion tarnt er seine egomanischen Absichten und fordert den Segen der Kirche. Nun aber ist alles vorbei. Er kann kaum mehr gehen. Er liegt ohnmächtig im Bett. In luziden Momenten sieht und hört er, wie die Toten, die Geschändeten, die ehemaligen Gefangenen vorbeimarschieren. Lautlos, wie ein Geisterheer.

Wie muss es ihm zu Mute sein? Ich studiere die Gesichter solcher Menschen im Fernsehen. Der eine wirkt wie eine Wachsfigur, aalglatt und ohne jede Bewegung im Gesicht. Er lügt, ohne die Miene zu verziehen. Kein Lächeln. Einem anderen wachsen die Säcke unter den Augen und scheinen bei jedem Auftritt schwerer. Ein dritter, halsstarrig und nackig wie ein Stier, scheint sich vor den Feinden zu verbunkern. Finster schaut er aus dem Kasten. Ein weiterer wirkt nervös. Diese Gesichter dieser Menschen hätten Malern wie Hieronymus Bosch oder Pieter Bruegel als Modell für ihre Fratzen gedient. Heute erscheinen sie in Zeitungen als Karikaturen, was mir zu leicht scheint.

Kann ein Zuschauer ein Gesicht lesen? Es ist schwierig, denn es trägt eine Maske. Aber er kann sich vorstellen, wie es sein wird, wenn der Autokrat die Macht verliert und er allein vor sich steht. Was wird passieren, wenn ihn der Schrecken des Erkennens erfasst? Allein mit sich selbst, werden seine Untaten wie böse Figuren durch seinen Kopf wirbeln. Glaube keiner, dass sie ihn verschonen. Sie werden zu seinem Höllensturz, auch wenn er nicht an die Hölle glaubt. Die Hölle ist kein Ort im Irgendwo. Sie ist ein Ort im Menschen selbst.

In solchen Momenten wird die eigene Propaganda und Lüge zu einem Gemälde wie bei einem Jüngsten Gericht. Der tote, aber politisch und individuell missbrauchte Gott wird zu einem Universalgewissen. Der Bösewicht braucht Psychopharmaka, damit er ruhig gestellt wird, aber dennoch schweigt das Gewissen nicht. Er hat erkannt, was er getan hat, und weiss, dass er im Grunde auf das Leben als Staatsmann angelegt war, das er verfehlt hat. Er hat die Chance, Gutes für alle zu tun, seiner Machtgier geopfert. Diese Erkenntnis ist furchtbar. Nüchtern, leer und mit hängenden Armen steht er im Totenhemd vor sich selbst Er spürt, wie ihn das Volk, das ihm einst zugejubelt hat, verachtet.

Was im Grossen der Weltpolitik geschieht, kann sich auch im kleinen Kreis abspielen. Ein  Mensch merkt, dass er sein Leben vergeudet oder an falsche Dinge gehängt hat. Viele Menschen leiden am Ende des Lebens an der Last ihrer Schuld. Nicht allen gelingt es, sie noch vor dem Sterben abzutragen. Schon deshalb nicht, weil der oder diejenigen, die ihm verzeihen müssten, nicht mehr erreichbar sind. Es gibt auch verbockte Menschen, die kein Wort der Entschuldigung über ihre Lippen bringen. Die Lebenslüge hat sie derart als Mensch verfälscht. Grosse Verbrecher wie Hitler und Göring haben sich mit Zyankali aus der Verantwortung geschlichen. Die grossen, lauten Maulhelden und Volksverführer waren zu feige, um sich dem Tribunal zu stellen. Ihr eigener Spiegel aber hatte sie bereits mit Selbstverachtung bestraft. Im Schrecken des Erkennens lebten sie am Ende in der Hölle. Die Gnade des Verzeihens ging an ihnen vorbei.

Gastautor: 
Andreas Iten

Kommentare

eine entscheidende Erkenntnis ist für mich der Satz: Die Hölle ist in jedem selbst. Ich treibe es noch weiter, im Umkehrschluss, der Himmel ist in jedem selbst. So kann auch der Atheist an die beiden Jenseits glauben. Er kann aufhören zu glauben, da er als Solcher ja an nichts glaubt, in dem Moment vor seinem Tod, das im obigen Text beschriebene abläuft. Er muss es nicht mehr glauben, er weiss es nun. Ausser der Tod kommt plötzlich, es bleibt keine Zeit für den Film

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