18.11.2013 - Gertrud Ruprecht

WC und Menschenwürde

Am 19. November ist "Welttoiletten-Tag" der Vereinten Nationen. Das macht Sinn, denn vierzig Prozent der Weltbevölkerung verfügt nicht über ausreichende Sanitäreinrichtungen.

Fast täglich gibt es einen besonderen internationalen Tag: beispielsweise am 16. November den Internationalen Tag für Toleranz, oder am 19. nebst dem Toilettentag auch den Internationalen Männertag und am 20. November den Weltkindertag, ausgerufen von der Unesco.

Auch ein Menschenrecht

So seltsam es klingt, der Welttoilettentag ist als Aktionstag wichtig im globalen Umgang mit der immer knapper werdenden Ressource Wasser. Nach Ansicht der World Toilet Organisation sind hygienische und zweckmäßige Toiletten ein grundsätzliches Menschenrecht. Sie bedeuten Würde und sind ein Symbol für den Fortschritt einer Gesellschaft.
 

ein wc mit wasserspülung wikicommonsDer übliche Komfort für unsereiner

Wir haben das Privileg in einer Gesellschaft leben zu dürfen, in der menschenwürdige hygienische Verhältnisse und sauberes Trinkwasser eine Selbstverständlichkeit sind. Gewiss, auch unsereiner musste sein Geschäft bei einer Wanderung in einsamem Gelände in der Natur, beim Übernachten in einem Stall auf einem primitiven Häuschen mit Sickergrube verrichten, aber wir zählen nicht zu den über zwei Milliarden Menschen, denen nie eine brauchbare Toilette zur Verfügung steht.
 

Logo des Welttoilettentags
 

Wie sich fehlende hygienische Einrichtungen auf die Gesundheit und die Entwicklung der Persönlichkeit auswirken, erlebte ich hautnah in meiner Kindheit. Obwohl mich das Thema seit langem nicht mehr persönlich betrifft, lebt es immer wieder auf, wenn von sanitären Verhältnissen in überfüllten Flüchtlingslagern, bei Naturkatastrophen, und in Slums die Rede ist.

Donnerbalken und Misthaufen

Ich erlebte eine unbeschwerte Kindheit im Sudetenland. Nach Kriegsende wurden wir enteignet und Richtung Westen abgeschoben. Ich war fünf Jahre alt. Meine Erinnerung: Es war früh am Morgen, als ich vom Lärm des bremsenden Zuges erwachte. Die Schiebetüren öffneten sich. Auf den Befehl Austreten! leerte sich der Waggon sekundenschnell. Die Leute rannten, gejagt von schreienden Soldaten, über einen leeren Acker in Richtung eines Balkens, auf den sie sich mit dem Rücken zum Zug setzten, um – auszutreten. Ich war bei dem Anblick wie gelähmt vor Schreck. Waren das die Toiletten unserer neuen Heimat? Nicht ganz, aber der Komfort der alten Heimat war auch im neuen Domizil auf einem Bauernhof prekär: Da standen wir nun mit Blick auf einen imposanten Misthaufen gekrönt von einem Holzhäuschen, das sich als unsere künftige Toilette erwies. Es gab keine Wahl, wir mussten uns, in der Hoffnung auf eine baldige Rückkehr nach Hause, damit zufrieden geben. Immerhin, in der Dorfschule gab es ein richtiges WC mit Wasserspülung.
 

Latrine über Wasserlauf in BangladeshLatrine über einem Wasserlauf in Bangladesh. Foto: Ashley Wheaton
 

Davon können Menschen in Entwicklungsländern, vor allem in ariden Gebieten nicht einmal mehr träumen. Andere Lösungen ohne Wasserverschwendung, ohne unbezahlbare Investitionen in Klärsysteme müssen gefunden und auch gebaut werden, Hilfe tut not, denn verschmutztes Wasser macht krank.

Hilfe vor Ort statt Maya-Studien

Pierre-Alain W. war erfolgreicher Schweizer Banker. Heute setzt er sich in Guatemala unter anderem für menschenwürdige hygienische Einrichtungen ein. Frisch pensioniert war er mit dem Computer auf den Spuren der Maya unterwegs, knüpfte Kontakte mit Guatemalteken und entschloss sich, im Oktober 2007 zusammen mit Einheimischen, die NGO Pestalozzi Guatemala zu gründen. Die Idee ist, den ärmsten Einwohnern des Landes das Leben zu erleichtern durch die Organisation von Kursen auf den Gebieten von Gesundheit und Hygiene, sowie produktiven Tätigkeiten.
 

Kleinkind in GuatemalaAuch dieses Kind und seine Familie sollen Sanitäranlagen bekommen, Foto courtesy of NGO Pestalozzi Guatemala
 

Gemäss eines Berichts der Weltgesundheitsorganisation haben eine Milliarde Menschen keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen. In Guatemala verfügen mehr als achtzig Prozent der ländlichen Bevölkerung nicht über Toiletten, in der Folge ist das Wasser – dort ebenfalls Mangelware – oft verschmutzt und führt zu Krankheiten. Durchfall schädigt massiv auch die Entwicklung von Kindern. Die NGO Pestalozzi Guatemala will die in den Bergen des Cuchumatanes in grösster Armut lebenden 23000 Menschen mit den nötigen sanitären Einrichtungen versorgen. Eine grosse finanzielle Herausforderung für den siebzigjährigen Schweizer Rentner Pierre-Alain W., da die grosse Mehrheit unter der Armutsgrenze lebt und auf Hilfe angewiesen ist. Nun sollen mit einer Kampagne in der Hauptstadt Mittel beschafft werden. Spenden kann man auch über die Website der NGO Pestalozzi (get involved).

Wettbewerb für Mensch und Umwelt

Das eine sind Entwicklungshelfer wie diese NGO in Guatemala, welche dafür sorgen, dass auch die ganz Armen dieser Welt irgendwann ein menschenwürdige Möglichkeit sich zu versäubern bekommen, das andere sind technische Lösungen.
 

Ausstellung beim WettbewerbGrosses Interesse am neuen High-Tech-Häuschen der EAWAG für Entwicklungsländer
 

Bei der EAWAG, der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz, wurde ein absolut neuartiges Häuschen für Entwicklungsländer erfunden. Es ist eine Kabine mit Stehklosett, welche ohne Wasser- und ohne Elektrizitätsanschluss funktioniert. Das Schmutzwasser wird rezikliert und gereinigt, so dass es wiederum zum Händewaschen gebraucht werden kann, Fäkalien und Urin werden in geschlossenen Tanks gesammelt, die regelmässig zur Aufbereitung zu wertvollem Dünger abgeholt werden müssen. Der Projektleiterin Tove Larsen bei der EAWAG war nebst der funtionierenden Technik das Design wichtig:  «Eine Toilette mit ansprechender Optik wird in den Entwicklungsländern zum Statussymbol», sagt sie, «und deshalb wird sie auch benutzt.»
 

Test vor Ort der EAWAGEAWAG-Test: das Design-WC im Busch
 

Mit seinem Modell gewann das EAWAG-Team den Anerkennungspreis beim Wettbewerb Reinvent the Toilet der Bill und Melinda Gates Foundation, welche die Forscher weltweit aufgefordert hatte, ein WC zu konzipieren, das allen Menschen der Welt eine menschenwürdige, hygienische, umweltfreundliche und wirtschaftliche Sanitätsversorgung sicherstellt. Nun gibt es sinnvolle Prototypen, aber bis die Modelle produziert und bei den Leuten sind, werden noch viele Jahre und mancher von den Vereinten Nationen unterstützter Welttoilettentag vergehen.

Titel: Latrine in Bangladesh. Foto: Gary White
Link zum Welttoilettentag

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