12.12.2018 - Joseph Auchter

Weihnächtliche Überraschungen

Ob glückselig oder traumatisiert, froh oder traurig, die Erinnerungen an die Weihnachtszeit sind  prägend. Kein Dichter, der sie nicht in Verse goss, kein Musiker, der sie nicht vertonte. Und heute?

Wer die Kurzgeschichten und Gedichte durch all die Jahrhunderte durchgeht, kann feststellen, dass die niedliche Christchindli-Romantik im Verlaufe der Zeit auch einige Schmunzeltexte und überraschende Einfälle hervorgebracht hat, von denen ich zwei Erzählungen und ein Gedicht ausgewählt habe.

Robert Gernhardt: Die Falle

„Die Falle“ ist eine Weihnachtsgeschichte von Robert Gernhardt betitelt und wurde 1993 erstmals veröffenlicht. Ein reicher Mann will seinen beiden Kindern eine freudige Überraschung bereiten, indem er Studenten einlädt, ihnen als Weihnachtsmänner einen Besuch abzustatten. 25 DM koste eine Bescherung, die Geschenke gingen aber zulasten des Hausherrn. Abgemacht. Der Besuch sollte möglichst speditiv vonstatten gehen, einige Unarten der Kinder müssten getadelt und die standesgemässen Geschenke überreicht werden. Das sei’s dann, am Abend würden noch Geschäftsfreunde erwartet.

Die Studenten rochen den Braten. Sie zogen die Zeremonie zum Unwillen des Krösus mit Liedern und Aufforderungen zur Aufmüpfigkeit gegenüber den Eltern ungebührlich in die Länge, solidarisierten sich mit den Kindern und liessen nicht locker, bis die Erwachsenen sich auch anschickten, "Stille Nacht" mitzusingen. Damit geriet der Fahrplan bedrohlich ins Stocken. Wie die Feier ausgeht, sei hier nicht verraten, aber sie birgt vergnüglich heiteren Zündstoff und beschert dem Manager einen Denkzettel, der sich gewaschen hat.

Teresa Präauer: Oh, Baby, Baby

Ein aktueller Diogenes-Sammelband vereinigt unter dem Titel „Freue dich!“ Geschichten „für eine gutgelaunte Weihnachtszeit“. Hemingway und Tschechow gehören genauso dazu wie Peter Stamm, Martin Suter, Doris Dörrie und Tim Krohn. Mir persönlich hat die Erzählung der österreichischen Autorin Teresa Präauer besonderen Spass bereitet.

Inmitten weihnächtlicher Vorbereitungen steht plötzlich eine junge Frau namens Britney im Garten, mitten im Schnee. Die seltsame Erscheinung kommt der Mutter gar nicht gelegen. "Duck dich", zischt sie. Aber die Tochter wusste es besser und sah einen Engel vor sich - oder etwa eine Pop-Ikone? Die schienen ihr ziemlich deckungsgleich. Auf alle Fälle konnte man die weihnächtliche Erscheinung doch nicht der klirrenden Kälte überlassen. Sie nimmt sie an die Wärme, verköstigt sie und versichert der Mutter, der Himmel habe sie geschickt. 

Das Schmücken des Baumes und das Wachsjesuskind in der Krippe sind das eine, die kitschige Lametta das andere und der Störefried Britney das dritte. Was dann aus dem Engel mit einem Survival-Paket wird, ist überraschend genug und wird zur Lektüre empfohlen: eine schöne Bescherung!

 

Und weil die Gedichte erst recht zur Weihnachtszeit gehören, möchte ich Ihnen noch die empfindsamen Verse von Erich Kästner in den Geschenkkorb legen. Sie entstammen einer 13-teiligen Sammlung von Monatsgedichten, die Kästner zwischen 1952 und 1954 im Auftrag der Schweizer Illustrierten verfasste.

 Dezember von Erich Kästner

Das Jahr ward alt. Hat dünnes Haar.
Ist gar nicht sehr gesund.
Kennt seinen letzten Tag, das Jahr.
Kennt gar die letzte Stund.

Ist viel geschehn. Ward viel versäumt.
Ruht beides unterm Schnee.
Weiß liegt die Welt, wie hingeträumt.
Und Wehmut tut halt weh.

Noch wächst der Mond. Noch schmilzt er hin.
Nichts bleibt. Und nichts vergeht.
Ist alles Wahn. Hat alles Sinn.
Nützt nichts, dass man’s versteht.

Und wieder stapft der Nikolaus
durch jeden Kindertraum.
Und wieder blüht in jedem Haus
der goldengrüne Baum.

Warst auch ein Kind. Hast selbst gefühlt,
wie hold Christbäume blühn.
Hast nun den Weihnachtsmann gespielt
und glaubst nicht mehr an ihn.

Bald trifft das Jahr der zwölfte Schlag.
Dann dröhnt das Erz und spricht:
„Das Jahr kennt seinen letzten Tag,
und du kennst deinen nicht.“

 

Robert Gernhardt: Die Falle

Fischer Taschenbuch, 2016,  ISBN 978-3-596-15768-6

Freue dich! Geschichten für eine gutgelaunte Weihnachtszeit

Diogenes, 2017,  ISBN 978-3-257-24423-6

     

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