15.12.2018 - Bernadette Reichlin

Weihnachtsstress - muss das sein?

Ist das ein Klischee? Die Familie sitzt vor dem Weihnachtsbaum und freut sich auf das traditionelle Heiligabend-Programm. Nur die Mutter, die liegt unter dem Baum – vollkommen erschöpft.

Ja, das ist ein Klischee! Hoffentlich. Heute kocht auch mal der Hausherr, oder es wird ein gemeinsam bestücktes Buffet aufgebaut oder man begnügt sich mit Glühwein und Panettone oder einer Kürbissuppe.

Familientrubel oder ganz allein?

Oder aber, der Weihnachtsabend ist einsam geworden, niemand mehr da, der heimlich vor dem Essen Weihnachtsguetzli stibitzt, kein Gelächter mehr, weil ein Kind "Stillenachtheiligenachtihrkinderleinkommet" super schnell auf der Blockflöte geübt hat und nun denkt, nach diesem abgekürzten Verfahren könne sofort zur Bescherung geschritten werden.

Wie auch immer: Weihnachten ist nicht nur Tradition, sondern fast zwangsläufig auch Arbeit. Und für viele ein Riesenstress. Zwar laden die vielen hellen Dekorationen eigentlich zum Innehalten und Schauen ein, haben aber meist eine ganz andere Wirkung: Ach ja, der Kerzenvorrat muss noch überprüft, neues Geschenkpapier gekauft werden. Und der Adventskranz nadelt bereits, die Weihnachtsbriefe sollten auf die Post, die Guetzlidosen sind alle noch leer – und der Kopf auch.

Stress kann hilfreich sein

Stress hilft den Tieren und half früher, ganz früher, auch den Menschen, zu überleben. Droht Gefahr, schüttet der Körper eine Sonderportion Adrenalin aus, der Blutdruck steigt und die Muskeln spannen sich. Bei Stress werden energiezehrende Körperfunktionen auf ein Minimum reduziert und möglichst viel Energie auf die aktuelle Gefahrensituation, auf Flucht, Angriff oder Verteidigung gelenkt. Stress ist, evolutionstechnisch gesehen, eine Überlebenshilfe.

Die Guetzlibüchsen sind noch leer? Warum sich nicht mit ein paar Freundinnen zusammentun? Jede bäckt zwei Sorten, dann wird untereinander getauscht.

Nur: Um Weihnachten möglichst gut zu überstehen, ist Stress vollkommen unnötig. Wir brauchen weder den Hirsch fürs Festessen eigenhändig zu jagen, noch müssen wir vor wütenden Weihnachtsengeln davonlaufen. Weihnachten ist auch kein Kampf um das Beste aller Feste und keine Prüfung, die Jahr für Jahr vor Familie oder Freunden abgelegt werden muss.

Noch so viel zu erledigen

Weshalb dann treten Herzinfarkte im Dezember gehäuft auf, klagen viele über Schlafstörungen oder eine schlechte Verdauung und liegen die Nerven blank? Es liege am kumulativen Effekt, sagen die Psychologen. Das heisst, nicht am einen grossen schwarzen Bären, der uns durch den dunklen Wald jagt, sondern an zahlreichen kleinen Steinchen, die uns die Weihnachtszeit in den Weg legt.

Wenn schon der Bär so entspannt daliegt, statt uns durch den Wald zu jagen, dürfen wir uns doch auch nicht stressen lassen!

An den Geschenken, die man noch besorgen muss, den vielen Dingen, die noch zu erledigen sind, an der Menüplanung, die jedes Jahr mehr Störfaktoren aufweist – vegetarisch, vegan, gluten- oder laktosefrei. Nicht zu vergessen die Allergiker.

Weihnachten ganz entspannt – ein Rezept dazu gibt es in diesem Beitrag nicht. Nur den Appell, mal an die Folgen dieser Hetze durch die Adventszeit zu denken:

Dauerstress schlägt aufs Herz, auf die Verdauung, auf die Fähigkeit, abzuschalten und tief und fest zu schlafen. Stress kann die Zellfortsätze des Hippocampus im Gehirn schädigen, die für die Aufnahme von Informationen wichtig sind. Schrumpfen sie, vergessen wir mehr, werden zerstreuter, unkonzentrierter – was wiederum zu vermehrtem Stress führt.

Eingebaute Stressbremse

Zum Glück reagiert unser Körper da auch ohne unser Zutun: Steigt das Stresshormon Cortisol zu stark an, wird das Drüsensystem und das Gehirn aktiv und stoppt die Produktion dieses Hormons. Dafür wird das parasympathische Nervensystem aktiv, das für die unwillkürliche Steuerung der Organe und des Blutkreislaufes zuständig ist. Und den Körper zur Ruhe kommen lässt und mithilft, sich zu entspannen. Zur Not halt auch unter dem Weihnachtsbaum.

Wer diesen Prozess aktiv unterstützen will, sollte versuchen, stressauslösende Elemente gelassener, mit einem Lächeln anzugehen. An dieser Stelle zu einer Tasse Orangenblütentee oder einem langen Spaziergang zu raten, ist allerdings zu einfach. Das weiss ja jeder. Es geht um mehr und Grundlegenderes. Es geht darum, zu akzeptieren, dass im Alter alles etwas gemächlicher angegangen und einiges delegiert werden soll. Und wenn mal nicht alles perfekt ist, etwas vergessen oder daneben geht? Lachen ist eine gute Methode, Stress abzubauen.

Haute cuisine wird vertagt

Aber jetzt wieder etwas konkreter:  Noch keine Ahnung, was an der Familienfeier auf den Tisch kommt? Jetzt nur nicht die vielen Ratschläge in den Zeitschriften konsultieren. Da werden Festtagsmenüs förmlich zelebriert. Aber muss das denn sein? Warum nicht gemeinsam mit Kindern oder Freunden ein Menü zusammenstellen, wo jeder etwas dazu beiträgt? Und zum Kaffee bringen alle Kostproben ihrer Weihnachtsguetzli mit und man kann sich beim Wettstreit vergnügen, wessen Zimtsterne die härtesten sind …

Pflanzen sind Geschenke, die wenig Arbeit machen und in den meisten Fällen willkommen sind.

Es fehlen immer noch Geschenke? Eingetopfte Amaryllis oder in einer Schale vorgezogene Schneeglöckchen oder Narzissen aus dem Gartencenter kommen meist gut an. Notfalls hilft auch ein Strauss Zweige mit dicken Knospen, die auf einem entspannten Rundgang durch den Garten oder durch den Wald geschnitten wurden. Mit einem entspannten Lächeln und einer grossen Schleife überreicht, wirken solche Geschenke mehr als das originelle Dekording, das erst nach stundenlanger Jagd durch die Läden gefunden wurde.

Was sonst noch organisiert oder erledigt werden muss, wird auf einer, am Besten von allen am Fest Beteiligten gemeinsam erstellten Liste festgehalten. Delegieren kann man lernen und meist ist der Rest der Familie froh, wenn alle etwas zum Fest beitragen können. Und dann wird die Liste ganz entspannt abgearbeitet. Es ist sehr befriedigend – und entspannend – eine Aufgabe nach der anderen zu durchstreichen: Erledigt! Und Weihnachten kann kommen.

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