05.08.2018 - Anton Schaller

Wenn die Renten weiter sinken...

...ist es höchste Zeit, hellwach zu werden.

Man staune: Innert vier Jahren, zwischen 2013 und 2017, ist die Durchschnittsrente aus AHV und Pensionskasse in der Schweiz von 5’357 auf 4’741 Franken gesunken. Die Renten werden damit erstmals auf breiter Front nach unten angepasst. Eine Entwicklung, die alarmieren sollte. Doch von einem Aufschrei ist bisher nichts zu vernehmen. Das ist wohl darauf zurückzuführen, dass es sich bei den Betroffenen eh „nur“ um NeurentnerInnen handelt, die jetzt gerade oder vor kurzer Zeit in Pension gehen oder gingen, dass sich viele Beschäftigte bis weit über das 50. Lebensjahre hinaus nicht sonderlich um ihre künftigen Renten kümmern. Und ganz wichtig in diesem Zusammenhang: Die bisherigen RentnerInnen sind von den Kürzungen nicht betroffen; ihnen ist die ausgerichtete Rente aus der zweiten Säule gesetzlich garantiert. Und die AHV wird teuerungsbedingt immer wieder angepasst, respektive zwar relativ gering, aber immerhin erhöht.

Was sind die Gründe dieser Rentensenkungen in der zweiten Säule? Einmal sehen sich viele Pensionskassen gezwungen, der tiefen Zinsen am Kapitalmarkt wegen im überobligatorischen Bereich den Umwandlungssatz für Neurentner massiv zu senken, von einst 7,2 auf unter 5 Prozent. Dies, obwohl das Börsenjahr 2017 den Pensionskassen satte Gewinn brachte. Verheerend ist aber auch, dass sich die Entwicklung in den kommenden Jahren fortsetzen wird, weil eine Zinswende – wohl immer wieder angekündigt – so schnell nicht zu erwarten ist und sich die Gewinne an der Börse nur schlecht voraussagen lassen. Und der ganz andere Grund? In den letzten Jahren, fast während zwei Jahrzehnten, kam keine Reform der Alters-Vorsorge zustande, weder im Parlament noch beim Stimmvolk.

Das rächt sich jetzt. Wo sind die Schuldigen zu finden? Wer hat versagt? Der Bundesrat, das Parlament, die Parteien, die Interessenverbände der Wirtschaft, die Gewerkschaften, das Volk, die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger? Allesamt.

Bundespräsident Alain Berset hat es an einer 1. August-Feier, im Radio und im Fernsehen deutlich zum Ausdruck gebracht: „Wir sind nicht mehr zum freundeidgenössischen Kompromiss fähig, er ist uns abhandengekommen, insbesondere bei der Altersvorsorge“.

Wiederum liegt ein Vorschlag vor. Ein erster Schritt: Die Unternehmenssteuerreform und die Sanierung der AHV sollen miteinander verknüpft und möglichst bald umgesetzt werden. Doch der Widerstand von den verschiedensten Seiten ist wiederum übergross. Die Einheit der Materie sei verletzt, die Demokratie in Gefahr. Und überhaupt. Zudem hat Berset einen ausgewogenen Entwurf zur Sanierung der AHV in die Vernehmlassung geschickt. Auch bei dem ist die Opposition bereits wieder rege. Und um nicht wieder mit einem Gesamtpaket - wie am 20. September 2017 mit der „Vorsorge 2020“ - zu scheitern, will Berset die Sanierung der zweiten Säule erst danach, wenn die AHV saniert ist, in Angriff nehmen, also erst in 2, 3, vielleicht erst in 4 Jahren.

Die neuen und zukünftigen RentnerInnen wird das freuen, ist es doch gerade die zweite Säule, die die Renten laufend sinken lässt. Was bleibt: Werdet hellwach, künftige Rentnerinnen und Rentner, sorgt euch um eure Renten. Vor gut einem Jahr hat es das Schweizer Stimmvolk verpasst, eine ausgewogene Vorlage gutzuheissen. Sie hätte Zeit gegeben, sorgsam eine weit umfassendere Reform der Altersvorsorge in die Wege zu leiten. Unsern Vorfahren gelang ein grosser Wurf: Sie erfanden und setzten das «Drei-Säulen-Prinzip» der Altersvorsorge erfolgreich um. Wir Erben tun uns schwer damit, weil wir eines nicht mehr können oder nicht können wollen: Eigeninteressen dem Gesamtinteresse hintenan zu stellen.

Kommentare

 

Das Grundproblem der 2. Säule ist ja wohl, dass sie auf einem «Kapitalspekulationsverfahren» beruht, statt auf einem Umlageverfahren, wie die AHV. Dass jetzt die Renten sinken, ist alleine der 2. Säule anzulasten und keinesfalls der AHV.                                      Tatsächlich ist nicht die AHV das Sorgenkind, sondern die zweite Säule. Während langer Zeit betrug die Verzinsung der Pensionskassenguthaben 4%. Der ehemalige Chef des statistischen Amtes des Kantons Zürich, Hans Kissling, rechnet vor: Bei Einzahlungen (Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen) während 40 Jahren von gesamthaft Fr. 300’000 ergab dies bei einer durchschnittlichen Verzinsung von 4% ein Alterskapital von ca. Fr. 600’000. Bei einem Umwandlungssatz von 6.8% errechnete sich eine Altersrente von Fr. 40’800 pro Jahr oder Fr. 3’400 pro Monat. Bei einer durchschnittlichen Verzinsung von 1%, wie heute gerechnet wird, werden aus den einbezahlten Fr. 300’000 nur noch Fr. 360’000. Bei einem Umwandlungssatz von 6% ergäbe dies nur eine jährliche Rente von Fr. 21’600 oder Fr. 1’800 pro Monat. Es muss mit einer weiteren Senkung des Umwandlungssatzes gerechnet werden. Die ursprüngliche Rente von Fr. 3’400 pro Monat (zusätzliche zur AHV) hätte ein bescheidenes, aber würdiges Leben im Alter garantiert. Bei einer Halbierung der Pensionskassenrente wäre dies nicht mehr der Fall. Kissling spricht von drohender Altersarmut Er meint, es sei zu prüfen, ob die 2. Säue nicht in die erste Säule überführt werden müsste.                                                                                                                                                             Genau dieser Gedanke muss aufgegriffen werden. Wir von der AVIVO sind für eine Überführung des obligatorischen Teils der 2. Säule in die AHV. Der Überobligatorische Teil gehört jedem Versicherten einzeln und soll so stehen bleiben. Bei Erreichen der Altersgrenze kann er dann ausbezahlt werden. Die Höhe des AHV-Abzuges soll so festgelegt werden, dass eine Minimalrente von zum Beispiel Fr. 4000.00 pro Monat und eine Maximalrente von Fr. 8000.00 pro Monat ausbezahlt werden kann. Diese Lösung käme letztlich auch für die Arbeitgeber günstiger und würde den Rentnerinnen und Rentnern mehr bringen. Allerdings wäre dann die Versicherungsindustrie ausgeschlossen. Deshalb wollen die Herrschaften ja auch keinesfalls bei der AHV eine Erhöhung. Als Interessenvertreterin der Rentnerinnen und Rentner wehren wir uns gegen eine Lösung, die uns schlechter stellen würde. Dies wäre ja auch bei der Rentenreform 2020, über die wir am 24. September 2017 abgestimmt haben, der Fall gewesen. Schauen wir uns doch – dank der VOTO-Studie – etwas genauer an, wer diese Reform abgelehnt hat: Nicht etwa die Jungen bis zum 50. Altersjahr, die, wenn auch knapp zugestimmt haben. Da waren die Frauen, die mit 53 % Nein gesagt haben (gegenüber 52 % der Männer), da waren aber auch die Alten ab 60 Jahren, die zu 58% Nein gesagt haben.     Da waren die unteren Einkommensschichten, die stark ver­worfen haben. Das unterste Viertel des Äquivalenzeinkommens, sagte mit 59% Nein und das zweite Viertel gar mit 62 %! Das dritte Viertel, also jenes gleich über dem Medianeinkommen sagte dafür mit 60% klar ja zur Rentenreform. Die ärmeren Schichten der Bevölkerung sagen also Nein, die wohlhabenderen Schichten sagten Ja. Das oberste Viertel, die Wohlhabenden, sagten wiederum klar nein, das war das Nein von rechts. Fazit: Setzten wir uns im Interesse der Alten, dafür ein, dass die zweite Säule in die erste Säule überführt wird.

Marco Medici                                                                                                                     Präsident der AVIVO-Zürich                                                                                                   und Stiftungsrat bei Seniorweb

 

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