10.10.2015 - Anton Schaller

Wenn Mauern fallen ...

... oder neue aufgebaut werden sollen.

Vor 26 Jahren, am 9. November 1989, fiel sie: die Berliner Mauer. 17 Millionen Deutsche konnten dem Ghetto, das sie seit 1961 gefangen hielt, entfliehen. Abertausende strömten noch am selben Abend gen Westen, dem Kurfürstendamm, den ersehnten Einkaufs- und Kulturmeilen entgegen, die sie aus dem Westfernsehen so gut kannten, doch nie betreten durften. Eine hoch gesicherte Wand trennte sie von den eigenen Verwandten. Junge Soldaten der Nationalen Volksarmee bewachten die Mauer, die Todesstreifen vor und hinter dem trutzigen Werk, Tag und Nacht. Sie zögerten nicht, wenn jemand es wagte über die Mauer durch die verminten Zonen in den Westen zu flüchten, sie schossen. Über die Zahl der Opfer gibt es auch heute noch keine erhärtete genaue Zahl. Es sollen zwischen 87 und 260 Menschen gewesen sein, die bei der Flucht ihr Leben lassen mussten. Die Mauer war also mehr als eine Mauer, sie war eine bewachte Festung, deren Unüberwindbarkeit mit Waffengewalt gesichert wurde. Hinter dieser Mauer lebte eine junge Frau, sie wuchs in einer Pfarrersfamilie auf, studierte Physik, schloss mit Auszeichnung ab, lernte Russisch, war eine wohlerzogene, stille, gar unscheinbare Frau. 

Am letzten Mittwoch sass die gleiche Frau, jetzt die mächtigste Politikerin Europas, wenn nicht der Welt, bei Anne Will im Studio der ARD. Sie hatte sich zu verteidigen, weil sie keine Mauer aufbauen, keinen Stacheldraht ziehen will, weil sie nicht nur ihr Herz öffnete, sondern die völlig offenen Grenzen zum wiedervereinten Deutschland nicht nur nicht schliessen will, sondern einen Willkommensgruss den Flüchtenden entgegenbrachte und unerschrocken klar bekannte: „Deutschland ist ein starkes Land, wir schaffen das.“ Tagtäglich strömen nach wie vor Tausende ins gelobte Land Deutschland. Die Zerreissprobe beginnt. In ihren eigenen Reihen der CDU/CSU rumort es nicht nur, es wird zur verbalen Keule gegriffen. In seiner Hilflosigkeit droht ihr der Koalitionspartner aus dem C-Lager, der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, unverhohlen mit dem Bundesverfassungsgericht, will die Regierung einklagen, in der auch „seine“ Minister sitzen. 

Deutschland, die Welt, staunen, wie gelassen, wie selbstsicher, wie überzeugt von ihrer Mission Angela Merkel im Studio sass. Wie sie auf die Fragen reagierte, wie sie es unterliess, Gegenattacken zu fahren. Wie sie gar Horst Seehofer lobte, dass doch gerade Bayern alles richtig mache, eine grandiose Leistung vollbringe, wie das Land Flüchtlinge, die eben zuerst in Bayern ankommen würden, aufnehme und weiterleite. 

Und sie stellte auch die zentrale Gegenfrage: „Wie wollen wir den Strom aufhalten, wie wollen wir die Grenzen schliessen?“ Und gab die Antwort gerade selber: „sicher nicht mit Stacheldraht und einer Mauer.“ Sie mag sich an ihre Jugend erinnert haben, als eine Mauer sie festhielt und mit ihr 17 Millionen Deutsche. 

Angela Merkel will das Problem in erster Linie vor Ort zu lösen versuchen. Mit Verhandlungen über Syrien, über den Irak, Afghanistan, dem gesamten Nahen Osten mit Israel und Palästina, mit den USA, der EU, der Türkei, dem Libanon und insbesondere mit Wladimir Putin. Sie beide verbindet eines: Beide sprechen die Sprache des andern. Merkel russisch, Putin deutsch. Sie lebten während Jahren des Kalten Krieges in einem Land, das abgeriegelt war: in der Deutschen Demokratischen Republik, in der DDR. Sie eingeschlossen, er wachte als Geheimdienstoffizier mit darüber, dass es so blieb. Er erlebte aber mit, als Michail Gorbatschow losliess, die DDR vor 25 Jahren nach den friedlichen Demonstrationen, nach dem Mauerfall, in die Freiheit entliess, der Wiedervereinigung Deutschlands den Segen gab. 

Geschichte, Ereignisse dürfen sich wiederholen, wenn sie zum Frieden führen. Die friedliche Wiedervereinigung in Deutschland hat Merkel geprägt. Heute lässt sie uns das mehr denn je spüren. 

Putin will korrigieren, was Gorbatschow auseinanderbrechen liess: die Sowjetunion. Er entwickelt Grossmachtgelüste in der Ukraine, in Syrien. Die Gegensätze könnten nicht grösser sein. Und dennoch: An Verhandlungen führt kein Weg vorbei. Uns bleibt nur zu hoffen, dass sich die Wege der beiden immer wieder kreuzen, dass sie sich dabei an die friedlichen Vergangenheitslösungen zu erinnern vermögen.

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