25.02.2017 - Anton Schaller

Wenn Polittalks Zynismus und Desinteresse fördern

... sind Sendekonzepte in Frage zu stellen. 

„Wenn Politik als (Macht-)Spiel inszeniert wird und die Akteure als «Gewinner und Verlierer» dargestellt werden, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass nicht nur das Vertrauen in die Politik, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Medien beschädigt wird.“ Das ist das Fazit, das der Forschungsdienst des Ersten Deutschen Fernsehens ARD aus der Analyse bedeutender, weltweiter Untersuchungen und Befragungen über die Auswirkungen von spektakulären Polittalks zieht.

Und weiter folgert der Dienst aus dem renommierten Edelmann Trust Barometer New York 2016 und anderen: „Die Fokussierung auf Taktik und Strategie, Gewinnen und Verlieren, sowie auf den Kampf um Macht in der politischen Berichterstattung führt somit zu einer Spirale von politischem Zynismus und Desinteresse, die sich gegenseitig verstärken.“ 

Voila, ist man geneigt zu sagen, wenn man die Arena vom letzten Freitag gesehen hat. Der Medienmanager Roger Schawinski, die Telebasel Chefredaktorin Karin Müller, der SVP-Nationalrat Claudio Zanetti und der Historiker Daniele Ganser waren angetreten, um darüber zu diskutieren „Wie glaubwürdig sind die Medien?“ Anlass war Donald Trump, der den Medien in seinem Land den Krieg erklärte, renommierten Journalisten und Medien den Zugang ins Weisse Haus verweigert, sie als „Feinde des amerikanischen Volkes“ bezeichnet, den Medien vorwirft, was er selber tagtäglich leidenschaftlich über Twitter tut: Lügen verbreiten. Gibt es Gründe, den Medien zu misstrauen? Oder sind die Medien wichtiger denn je, um Trumps Lügen aufzudecken? Das war die Fragestellung der Arena. 

Zuerst kam es zu einem wilden Schlagabtausch zwischen Schawinski und Zanetti, der immer lauter und unverständlicher wurde, und in den sich ab und zu auch Karin Müller einschaltete und Telebasel als Regionalsender lobte. Und dann stellte Jonas Projer beinahe aus heiterem Himmel den „umstrittenen“ Historiker Daniele Ganser als Verschwörungstheoretiker an den Pranger. Er, Ganser, gehe mit der Wahrheit auch sehr locker, ja seltsam um, wenn er schreibe „die Sendung «Einstein» habe die Forschung zum Einsturz des WTC 7 in New York als Verschwörungstheorie abgetan. SRF habe diffamiert, statt aufgeklärt“. In einer Mail an den Redaktionsleiter von «Einstein», die Projer in der Sendung vom eingeladenen Experten Markus Spillmannn, Präsident des Schweizerischen Presserates, vorlesen liess, habe Ganser dann aber eine 180-Grad-Kehrtwende vollzogen: „Der Beitrag sei «sachlich» und «fair» gewesen“, habe Ganser geschrieben. Den nächsten Satz zeigte Projer aber nicht, was aus seiner Sicht auch nicht nötig war. Hier sei er zum Verständnis nachgeliefert: „Einzig den Mix mit «Klimalüge» und «Protokolle» habe er schlecht gefunden.“ Ganser sah seine Reputation als Historiker gründlich in Zweifel gezogen. Er ging auf Projer los und stellte fest: „Ich habe eine Dissertation geschrieben, und Sie?“ Projer schluckte leer und versuchte aus der Falle zu kommen, indem er gar nicht darauf einging. Der Moderator liess bis zum Ende der Sendung aber nicht locker. Er wollte partout Ganser blossgestellt wissen, einen Verlierer vorgeführt haben. Immerhin: Erstmals vollzog er in der laufenden Sendung einen Faktencheck, der immer wieder gefordert wird und bis jetzt ausblieb. Es geht doch.

Die Analyse der weltweiten Untersuchungen der politischen Berichterstattung (Nachrichtensendungen, Magazine, Talk-Shows) durch den ARD-Forschungsdienst brachte auch die Antwort auf die Frage „Wie erreicht ein Moderator die höchste Glaubwürdigkeit?“ an den Tag. In einem Experiment wurde repräsentativen Probanden eigens hergestellte Talk-Sendungen zur Flüchtlingsfrage vorgeführt, einmal mit einem neutralen, dann mit einem liberalen und zuletzt mit einem konservativen Gesprächsleiter. Das Verdikt war eindeutig: Der neutrale Moderator erzielte in der anschliessenden Befragung die höchste Glaubwürdigkeit. Und interessant ist, „dass die Glaubwürdigkeit in der Beurteilung nur wenig sank, wenn der Moderator parteiisch war, dabei eine Meinung vertrat, die kongruent zu der Meinung des Befragten war. Das genau Umgekehrte passierte, wenn die vertretende Meinung des Moderators der Meinung des Befragten widersprach: Der Moderator wurde von diesem als sehr unglaubwürdig eingeschätzt“, wie die Zeitschrift „Media-Perspektiven“ berichtet.

Eines ist in dieser Arena leider nicht zum Ausdruck gekommen: Selbstkritik. Lediglich ein eingeladener Zuschauer wies andeutungsweise darauf hin: „Vielen Journalisten, vielen Redaktionen fehlen heute die historischen Bezüge, geschichtliche Kenntnisse. Das meiste wird heute sofort und lediglich situativ eingeordnet, ohne historische Bezüge, ohne Kenntnisse darüber, wie es zu dem oder zu jenem kam. Einzig Roger Schawinski liess ab und zu sein Wissen aufblitzen, er konnte Rückbezüge vollziehen, vermeintliche Fakten korrigieren, Tatsachen benennen. Tatsächlich: Seriosität tut den Medien gut, sie können Glaubwürdigkeit daraus beziehen.

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