15.04.2018 - Anton Schaller

Wenn Visionen auf die Realität treffen

Am ETH Forum „Wohnungsbau 2018“. Diesmal im Fokus: die älteren Menschen

Die Zahlen waren verblüffend wie logisch: „Der Wohnort ist kaum abhängig vom Alter. In Einfamilienhäusern leben genauso viele jüngere wie ältere Menschen, rund 30 Prozent. Ältere wohnen aber deutlich häufiger in älteren Bestandesbauten als Jüngere. Die Hälfte der 65 bis 75Jährigen und zwei Drittel der über 80Jährigen wohnt in Gebäuden aus Bauperioden vor 1971, die häufig nicht altersgerecht sind. In Neubauten sind Ältere deutlich untervertreten“. Ein Fazit, das Dr. Corinna Heye von der Firma „raumdaten GmbH, am ETH Forum Wohnungsbau 2018 aus Umfragen zog.

Wird sich das ändern? Werden die älteren Menschen der Zukunft ganz anders wohnen? Werden sie einer Vision folgen, wie sie an der Tagung Karin Frick darlegte, die Leiterin Research und Mitglied der Geschäftsleitung des Gottlieb Duttweiler Instituts GDI? Ähnlich wie Uber, Amazon, Google, Facebook, die die neue Kommunikationswelt aus dem Stand heraus schufen, werden nach Karin Frick neue innovative Teams neue Wohnformen schaffen. Die Menschen werden global arbeiten, ein Generalabonnement für das Wohnen lösen, in mobilen, einfachen Behausungen lebensabschnittsweise leben.  „Die Software wird wichtiger als die Hardware“, „On Demand: alles, jederzeit, überall“.

Wie sieht aber die Realität aus? Im Zürcher Seefeld, wo ich wohne, ist ein regelrechter Bauboom ausgebrochen, alte Häuser werden abgebrochen, neue Wohnblöcke schiessen in die Höhe. Nicht zuletzt der tiefen Hypo-Zinsen wegen. Besichtigt man diese neuen Häuser, ist alles wie vor 30 Jahren: grosses Wohnzimmer, funktionale Küche zwar, mittelgrosse Schlafzimmer, eher kleine Kinderzimmer. Die Nass-Zelle ist in Bad und Toilette geteilt, sofern man Glück hat, gibt es grosse Fenster, immerhin. Neu sind die Balkone, fast jede Wohnung verfügt über einen, wenn nicht zwei. Die Bauherren haben wohl wahrgenommen, dass der Wunsch, auch „draussen“ leben zu können, stark zugenommen hat, dass das me­di­ter­rane Lebensgefühl auch bei uns Einzug gehalten hat. Mehr aber nicht. Von Software-Ausstattung, von internen Kommunikationssystemen keine Rede.

Zugegeben: In neu entstandenen und entstehenden Quartieren im Norden Zürichs, im Raum Oerlikon hat eine weise Zukunftsplanung der Stadtbehörden dazu geführt, dass Plätze der Begegnung, der Kommunikation unter den Neuzuzügern entstanden sind, dass dem Nachbarschaft-Gedanken, der am Forum von den verschiedenen Referenten geradezu beschworen wurde, Nachachtung geschaffen wird. Im Zürcher Seefeld entstehen aber die Häuser im traditionellen Layout und vor allem ohne jeden Bezug zur Kommunikation unter der Bevölkerung. Diese Häuser, grundsolide mit dem schweizerischen Baustandard erstellt, werden aber rund 50, wenn nicht 100 Jahre als Wohnburgen - nicht zuletzt aus Gründen der grossen Investitionen - zu überstehen haben. Wenn jetzt jüngere Leute, junge Familien einziehen und sie genauso wie die bisherigen älteren Menschen möglichst lange in ihren Wohnungen verbleiben, werden sie von der Zukunft, wie sie Karin Frick beschreibt, wohl ausgegrenzt bleiben.

Sind die Visionen Karin Fricks aber „naiv, schnell zu vergessen“, wie sie am Schluss der oberste Chef des Forums, Professor Christian Schmid, recht hemdsärmlig meinte zu disqualifizieren? Mitnichten. Neue Lebens- und Wohnformen werden kommen, inspiriert von kreativen Köpfen, die schon heute mit ihren Ideen und Projekten weltweit für Veränderungen sorgen. Beim Wohnen wird sich zweifellos alles langsamer entwickeln als in der digitalen Welt, vor allem bei uns. Und eines wird beim Wohnen immer im Vordergrund stehen: die Finanzierung, der Mietzins, der Kaufpreis. Davon war an der Tagung nicht die Rede. Leider. Und die Menschen, um die es ging, waren bei den rund 400 Teilnehmenden an zwei Händen abzuzählen, und bei der Referentenschar waren sie schon gar nicht vertreten.

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