14.06.2018 - Andreas Iten

Wie gelingt ein gutes Leben?

Ein gutes Leben wird dem Menschen nicht geschenkt. Er muss es erringen.

Ich stiess bei Max Weber auf den Satz: „Denn nichts ist für den Menschen als Menschen etwas wert, was er nicht mit Leidenschaft tun kann.“ Ich selber habe immer darauf geachtet, dass ich etwas tun durfte, das mich begeisterte und meine Leidenschaft befriedigte. Neben meinen Aufgaben als Lehrer und Politiker beschäftigte ich mich mit Literatur. Ich las viel. Hätte mich die Politik total eingenommen, so wäre ich vielleicht ein eindimensionaler Mensch geworden. Ich wollte nicht einfach in der Rolle des Politikers aufgehen, sondern widmete mich auch anderen interessanten Dingen. Ich war überzeugt, dass es im Leben darauf ankommt, eine Tätigkeit zu finden, mit der es sich leidenschaftlich und engagiert leben liess. Non multa sed multum, nicht vielerlei, sondern vieles, war mein Leitspruch. 

Sprach ich mit Leuten, die mit ihrer Tätigkeit nicht zufrieden waren, riet ich ihnen, eines von dem Vielen, das sie tun können, als Hobby zu pflegen. Dabei komme es nicht so sehr auf die Sache an, sondern viel mehr auf die Freude an der Tätigkeit an. Ob nun jemand Kaffeerahmdeckeli sammle, Briefmarken oder Hellebarden, Kunstwerke oder Spielzeugeisenbahnen, sich mit Inbrunst seinem Garten oder seinem Oldtimer widme, sei völlig egal. Wichtig bleibe allein, dass er darin einen Sinn sehe. Oft begegnete ich im Bus einem Mann, der mir immer wieder begeistert von den elektrischen Messgeräten erzählte, die er ein Leben lang sammelte. Jedes Mal erteilte er mir eine physikalisch technische Lektion und ich staunte über sein Wissen.

Letztlich geht es um ein Sinn sinnerfülltes Leben. Der rational wissenschaftlich denkende Mensch verneint, dass das Leben aus sich selbst einen Sinn habe. Um sofort beizufügen, es habe keinen, ausser man gebe ihm einen. Man spürt bei den heutigen politischen Diskussionen oft, dass verwöhnte Menschen glauben, der Sinn des Lebens müsse ein Geschenk des Himmels sein oder der Staat habe dafür zu sorgen. Die Frage aber, was er tun und wie er leben soll, kann jeder nur für sich selbst beantworten.

Demokrit von Abdera (460 – 371 v. Chr.) behauptet, das Bewusstsein der moralischen Verpflichtung wurzle im Selbst des Menschen. Das Selbst kommt in unserer Sprache in vielen zusammengesetzten Wörtern vor: Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, Selbstgewissheit, Selbstverantwortung, Selbstvertrauen, Selbstwertmangel, Selbstverwirklichung u.a.m. Ausgehend vom Selbst sucht der Mensch nach dem Sinn. Das Selbst ist wie die letzte Verankerung unseres Seins. Auch wenn die Frage, was das je eigene Selbst sei, nicht leicht erklärt werden kann, so wird doch deutlich, dass ein gelingendes oder misslingendes Leben von ihm abhängt.

Keiner kann aus der Verantwortung von sich selbst gegenüber schleichen. Man versteht, wenn ein Mensch wenig Selbstvertrauen hat. Dies lässt sich häufig psychologisch erklären. Er nimmt dann vielleicht Hilfe in Anspruch, aber eingeträufelt werden kann ihm das Selbstvertrauen nicht. Er bleibt zurückgeworfen auf das eigene Selbst. Das Leben ist der lange Versuch, bei sich selbst anzukommen. Das gelingt sehr oft, wenn der Mensch sich mit Leidenschaft einer sinnvollen Tätigkeit hingibt. Ich erinnere mich an meine Grossmutter. Sie strickte mit Leidenschaft Pullover, Socken, Schals und war glücklich, wenn sie den Grosskindern eine Freude machen konnte.

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