13.11.2013 - Brigitte Poltera

Wir wollen selber wählen wo wir wohnen

 „Am Abend erst schätzt man das Haus,“ schreibt J.W. Goethe im Drama Faust. Informationen aus einer Weiterbildungsveranstaltung von Pro Senectute Zürich.

Bild: GrossmütterRevolution im Mai 2011 in Zürich

Was Goethe um 1800 formulierte, bestätigt heute Regina Walthert-Galli, Architektin und Gerontologin. Ältere Menschen verbringen immer mehr Zeit in den eigenen vier Wänden, und sie möchten so lange wie möglich darin wohnen bleiben. Wer sich in seiner Wohnung wohlfühlt und selbständig darin leben kann, der ist zufrieden. Und diese Zufriedenheit wiederum erhält den Menschen physisch und psychisch gesund.

Walthard-Galli, ReginaRegina Walthert-Galli

Eine ganze Menge von Qualitäten sind mit der eigenen Wohnung verbunden, wie der vertraute Wohnalltag, die Ortsverbundenheit, die soziale Einbettung im Quartier, die Rückzugsmöglichkeit, die persönliche Identität.

Wohnungen werden für etwa 30 Jahre gebaut. Dann stehen üblicherweise Renovationen an. Rund um die Pensionierung ändern sich die Anforderungen. Der Raumbedarf sinkt. Der Lift fehlt. Bauliche Mängel können im hohen Alter zu Unfällen führen.

Unfallgefahren beseitigen

„Von einer Stunde auf die andere hat sich unsere Wohnsituation geändert“, erklärt unser Nachbar. „Meine Frau ist über ein Werkzeug gestolpert, hat sich den Oberschenkelhals gebrochen und liegt im Spital.“

Suva und BfU belegen, dass von den jährlich tödlichen verlaufenden 1100 Sturzunfällen 90 % ältere Menschen betroffen sind. 30 % der 65-Jährigen und 50 % der über 80-Jährigen stürzen durchschnittlich jährlich einmal. Dabei fallen 57 % auf gleicher Ebene und 21 % auf Treppen.

Alter ist keine Krankheit, erklärt Regina Walthert. Einschränkungen gehören zum normalen Verlauf des Lebens. Allerdings überschätzen ältere Menschen gerne ihre Fähigkeiten und verkennen Gefahren, die ihnen drohen, etwa durch das eingeschränkte Sehvermögen, durch Wahrnehmungsstörungen, Schwindel, Liegenlassen von Gegenständen, schlechtes Schuhwerk, Stress und Hektik. Sie alle erhöhen das Unfallrisiko.

Stolperfallen sind Schwellen, unebene und glitschige Bodenbeläge, herumliegende Gegenstände, schlecht markierte Treppenstufen. Und oft fehlt eine gute, blendfreie Beleuchtung.

Die Wohnung anpassen

Wer über eine alters- und behindertengerechte Wohnung verfügt, kann länger zu Hause bleiben. Regina Walthert listet eine Reihe von sinnvollen Anpassungen auf, von der blendfreien Beleuchtung über helle Wände, rutschfeste Bodenbelägen, schwellenlosen Zugang zur Haustüre, beidseitige Handläufe an Treppen bis zu gut erreichbaren Lichtschaltern und Steckdosen und zu Fenstergriffverlängerungen.

Diese und mehr Informationen finden sich im Ratgeber der Schweizerischen Fachstelle für behindertengerechtes Bauen und im Leitfaden zur Wohnungsanpassung der Schweizerischen Alzheimervereinigung.

Verschiedene Wohnformen

Es gibt gute Gründe, um sich in der Mitte des Lebens Gedanken zum Wohnen im Alter zu machen und sich die Möglichkeiten zu überlegen, die da sind:

Wohnen bleiben, wo man ist.
Die eigene Wohnung altersgerecht anpassen.
Sich neu orientieren und nach einer passenden Wohnform suchen.
Umziehen, weil man muss.

Es braucht keine zusätzlichen Altersheime

Altersheime sind nicht mehr begehrt. Heute wollen 80 % der Senioren nicht mehr in ein Heim gehen und 30 % der Pflegenden in Altersheimen können sich das im eigenen Alter auch nicht vorstellen. Das Eintrittsalter bei Heimen liegt bei 80 Jahren. Oft sind es soziale Gründe, die einen Heimeintritt auslösen. Es gebe heute andere gute Lösungen, bestätigt Regina Walthert.

Neue Wohnformen

Wenn wir auf den Bau weiterer Altersheime verzichten und uns bewusst werden, dass Pflegepersonal rar wird, so ist eines klar: Ältere Menschen werden je länger je mehr auf gegenseitige Unterstützung angewiesen sein. Und mit geeigneten Wohnformen lassen sich auch Dienstleistungen und Betreuung vereinbaren.

Zum Einstieg in Diskussionen über alternative Wohnformen führt der Film von Paul Riniker über die Wohnfabrik Solinsieme in St. Gallen, der hier aufgeschaltet werden kann.

Gemeinsam wohnen statt allein zu „verbrösmelen“, das habe sie gewollt, erklärt Jeanette aus dem Gründerteam von Solinsieme.

Solinsieme ist eine Haus- und Siedlungsgemeinschaft in einem umgebauten Fabrikgebäude. Eine Gruppe von älteren Gleichgesinnten wohnt zusammen, mit eigenen Wohnungen für alle und mit verschiedenen gemeinsamen Räumen.

Die Siedlungsgemeinschaft hat eine Pionierleistung vollbracht. Ein grosser Einsatz, Herzblut und Durchhaltevermögen waren notwendig, um das Projekt zu realisieren. Toleranz und Sozialkompetenz sind auch heute notwendig, um die Gemeinschaft aktiv zu erhalten und Konflikte zu lösen. In den sieben Jahren ihres Bestehens haben die Bewohner erfahren, dass sie sich im Verlaufe der Jahre verändert haben. Eine Frau mit einem Kind hat diese Wohngemeinschaft für Senioren nochmals aufgemischt.

Zum Gelingen eines generationenübergreifenden Wohnprojektes brauche es eine altersmässig und sozial durchmischte Bewohnerstruktur und die Bereitschaft zu einem „Füreinander und Miteinander“, erklärt Regina Walthert (Voraussetzungen im Anhang beschrieben).

Gefragt sind individuelle Wohnformen

Alte Menschen kann man nicht über einen Leisten schlagen. Mit zunehmendem Alter werden sie immer unterschiedlicher ­ und damit auch ihre Bedürfnisse an das Wohnen.

Regina Walthert beschreibt mit aktuellen Beispielen und Projekten weitere Wohnmöglichkeiten: Wohngemeinschaften, Clusterwohnungen, Alterswohnungen mit und ohne individuell abrufbare Dienstleistungen und Betreuung, das Alters- und Pflegeheim und die Pflegewohngruppe (Merkmale, Vor- und Nachteile unter "Wohnformen in der zweiten Lebenshälfte" im Anhang).

Quartiernetzwerke – Projekte der Zukunft

Die Quartiernetzwerke sind die Projekte der Zukunft. Mit ihnen sollen Heimeintritte verzögert oder vermieden werden. Ein Quartiernetzwerk kann nur in Zusammenarbeit mit der Gemeinde aufgebaut werden, mit Hilfe von Organisationen wie Spitex, Kirchen, Pro Senectute. Das sei echte Knochenarbeit, die viel Zeit brauche, sagt Regina Walthert. Erste Versuche laufen in Winterthur und in Frick. In Deutschland gibt es mehrere solcher Quartiernetzwerke.

(Informationen aus einer Weiterbildungsveranstaltung von Pro Senectute Zürich für ihre Treuhänder).

Referentin:
Frau Regina Walthert-Galli, Dipl. Architektin ETH, Gerontologin MAS

Mehr Informationen über das Wohnen im Alter:

„Älter werden und autonom wohnen“
Ein Leitfaden für Frauen, Gemeinden und Liegenschaftsverwaltungen
herausgegeben von der Zürcher Frauenzentrale und der Age Stiftung
(Broschüre kann kostenlos bestellt werden bei der Age Stiftung)

Genossenschaft Zukunftswohnen (Simone Gatti)

Quartiernetzwerke in Deutschland: Kontakte über
Kuratorium Deutsche Altershilfe (Ursula Kremer-Preiss)

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