15.12.2017 - Linus Baur

Witzige Abrechnung in schwereloser Höhe

Theatermacher Christoph Marthaler inszeniert am Schauspielhaus Zürich mit «Mir nämeds uf öis» eine vergnügliche und rundum geglückte Science-Fiction-Farce.

«Christoph Marthaler – eine triumphale Rückkehr» titelt «Kultur kompakt». Und tatsächlich: Marthaler, der 2000 die Intendanz des Schauspielhauses übernahm und sich 2004 wegen mieser Besucherzahlen wieder verabschieden musste, wird mit der Uraufführung «Mir nämeds uf öis» auf der Pfauenbühne seinem Namen als «stilbildender Theatermacher» einmal mehr gerecht. Geboten wird ein hinreissendes Musik-Theater-Spektakel der besonderen Art, das am Premierenabend frenetisch gefeiert wurde.

Von «Bad Bank» zu «Bad State»

Die Ausgangslage ist schnell erzählt: Da wird in Anlehnung an «Bad Bank» ein sogenannter «Bad State» in luftiger Höhe gegründet, dessen Existenz darauf ausgerichtet ist, anderen ihre Probleme zu nehmen. Wie ein Lieferservice steht dieser Tag für Tag zur Verfügung und nimmt jedermann die Last und Schuld von den Schultern. Es sind Finanzjongleure, Bau- und Waffenunternehmer, Briefkastenfirmen-Vernetzer und andere mehr, die in «Bad State» Unterschlupf finden und ihre selbstverschuldete Zwangslage auf pittoreske Weise loswerden. Und diese sieht bei allen katastrophal aus.

Space-Ballett in luftiger Höhe (v.l. Ueli Jäggi, Elisa Plüss, Raphael Clamer, Tora Augestad, Susanne-Marie Wrage, Gottfried Breitfuss, Jean-Pierre Cornu, Nicolas Rosat, Nikola Weisse).

«Bad State» ist ein vom Festland abgekoppeltes Raumschiff (Bühnenbild: Duri Bischoff), in dem die gescheiterten Existenzen ein vermeintlich sorgenfreies Dasein bei Spiel, Musik und Tanz fristen können. Und das tun sie ausgiebig und zum Umwerfen komisch. Mit von der Partie sind zwei Klavierspieler (Bendix Dethleffsen und Stefan Wirth) auf Hebepodesten und eine Sängerin (Tora Augestad), die mitfühlend die «selbstreinigende Kraft» der Musik vermitteln sollen. Und das machen sie vorzüglich und mit viel Spielfreude.

Skurrile Weisheiten und Anspielungen

Doch das Leben im Raumschiff ist alles andere als schwerelos. Alle Passagiere sind gefühllose Schwerenöter, die mit doofen Weisheiten wie «Ein Heiligenschein passt nicht zum Bau» oder «Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient» und aktuellen Anspielungen auf die korrupte Finanzwelt ihre Schandtaten und Schummeleien zu rechtfertigen versuchen, oder stotternd und lispelnd ihre Ausweglosigkeit manifestieren. Und wie weiter sich das Raumschiff von der Erde entfernt, umso schriller und verschrobener wird die Szenerie, endend mit einem gedeckelten Mammut, der von unten her ins führerlose Raumschiff katapultiert wird. Viele Monologe und Dialoge sind witzig, pointenreich arrangiert, was immer wieder für laute Lacher sorgt. So jene Szene im Beichtstuhl, wo man ob des «sündigen Fleisches» wegen ins Geschäft kommt. Und immer wieder werden ballettartige Space-Auftritte zelebriert, die an Komik und Klamauk kaum zu überbieten sind.

Zum Schluss Reise mit Mammut im führerlosen Raumschiff. (Fotos: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie)

Wie in den meisten Marthaler-Inszenierungen, spielt die Musik eine zentrale Rolle. Das ganze Marthaler-Repertoire von Klassik (Wagner, Bach, Puccini, Tschaikowski, Beethoven, Mozart, Grieg und weitere) bis Moderne (Francis Lai, Udo Jürgens, Michael Jackson) wird varianten- und faxenreich vorgeführt. Dabei nimmt Wagners Schuld-und-Sühne-Musik eine dominante Rolle ein. Just die Musikeinlagen verleihen dem Stück jene Heiterkeit und Unbeschwertheit, die das absurde Spiel der Protagonisten zum Vergnügen machen. Das ist vorab das Verdienst der norwegischen Mezzosopranistin Tora Augestad, die stimmgewaltig und verführerisch das wechselseitige Singspiel vorantreibt.

Eine geglückte Rückkehr Marthalers

Grosses Lob gehört allen Darstellern (am Premierenabend fehlte krankheitshalber Siggi Schwientek), die ihre schwierigen Rollen mit Bravour meistern. Alle spielen und singen herzerweichend komisch und skurril. Speziell erwähnen wir Ueli Jäggi, der als unverbesserlicher Schwerenöter im Beichtstuhl und als sich in Pose werfender Udo Jürgens eine Glanzleistung seines Könnens zeigt. Nicht minder vergnüglich sind die Auftritte der übrigen Spieler (Gottfried Breitfuss, Raphael Clamer, Jean-Pierre Cornu, Bernhard Landau, Elisa Plüss, Nicolas Rosat, Nikola Weisse und Susanne-Marie Wrage).

Marthalers Rückkehr mit «Mir nämeds uf öis» ist geglückt. Geboten wird eine herrliche und rundum amüsante Abrechnung mit allem, was in unserer globalisierten Finanzwelt faul oder absolut verfault ist.

Weitere Spieldaten: 17., 22., 28. Dezember, 12., 15., 19., 31. Januar, 2. Februar.

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