13.02.2019 - Erica Benz-Steffen

Wo sind sie geblieben?

Vögel gehören zu unserem Lebensraum. Ihre Rückkehr aus dem Süden ist jedes Jahr ein untrügliches Zeichen dafür, dass es Frühling wird. Aber auf viele Arten warten wir vergebens.

Bei einem Spaziergang im Quartier, das sehr grün ist, habe ich eine einsame Vogelstimme gehört. Leider kenne ich mich mit Vogelstimmen nicht gut aus, glaube aber, es war eine Meise. Ihr Ruf hat mich daran erinnert, dass in wenigen Wochen der Frühling beginnt, der meteorologische bereits am ersten März, der kalendarische in diesem, einem Schaltjahr, am zwanzigsten.

Beim Weitergehen ist mir das hübsche Kinderlied von Hoffmann von Fallersleben in den Sinn gekommen. Wie heisst es so schön in der ersten Strophe „Welch ein Singen, Musizieren, Pfeifen, Zwitschern, Tirilieren“. Leider ist es schon eine ganze Weile her, seit wir so auf den Frühling eingestimmt worden sind. 

Und wo ist sie geblieben die ganze Vogelschar aus der zweiten Strophe? Amsel, Drossel, Fink und Star… Wissen die Kinder, die das Lied heute noch singen, wie eine Drossel aussieht (ich kann mich übrigens auch nicht erinnern), wie wunderbar Stare in der Sonne schillern und dass ein Buchfink, den man noch manchmal in unseren Gärten erblickt, nicht der einzige Vertreter seiner Art ist.

Wenn ich am Computer sitze und mich ein Schreibstau blockiert (passiert auch bei ganz prosaischen Texten), schaue ich gern aus dem Fenster. Früher gab es immer etwas zu entdecken. Ein Buntspecht, den ich dafür bewundere, dass er sich bei seiner Arbeit keine Gehirnerschütterung zuzieht, ein Kleiber der mühelos kopfüber am Baumstamm klettert, ein zartes Rotkehlchen oder ein Eichelhäher, von dem ich gern ein paar farbige Federn hätte.

In der Hoffnung etwas von der gefiederten Vielfalt zurückzugewinnen, habe ich in diesem Winter zum ersten Mal ein Futterhäuschen auf den Balkon gestellt. Besucht wird es ausschliesslich von Kohlmeisen. Ausgerechnet! Seit ich gelesen habe, dass Kohlmeisen andere Vögel töten und deren Gehirn fressen, sind sie mir höchst unsympathisch. Soll ich wirklich Kannibalen füttern? Zumal das Füttern von Vögeln sowieso höchst umstritten ist. Der renommierte Ornithologe Peter Berthold hat dem Thema ein ganzes Buch gewidmet „Vögel füttern, aber richtig“. Ganz abwegig scheint es also nicht zu sein.

Kürzlich erhielt ich ein Büchlein von der Schweizer Vogelwarte, in dem die Vögel beschrieben sind, die es eigentlich noch bei uns geben sollte. Aber wo finde ich sie? Und wovon sollen sie sich ernähren, nachdem auch schon die Insekten verschwunden sind?

„Vögel strahlen Schönheit, Anmut und Freiheit aus. Doch sie werden immer weniger. Wenn sie verschwinden, werden auch wir verschwinden“, mahnt Peter Berthold.

 

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Erica Benz-Steffen
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