04.11.2018 - Bernadette Reichlin

Wort-Bild-Schere und andere Wortbilder

Ein Dieb in Unterhosen, halbe Schiessstände und flatternde Nasenflügel: Manchmal kann zum Zeitungslesen auch das Kopfkino eingeschaltet werden. Viel Vergnügen!

 

Ein Überfall und ein Signalement: Er (der Dieb) hatte einen weissen Pulli und Jeans angezogen. Stimmt die Zeitform (Plusquamperfekt), wird der Tatablauf doch ziemlich ausführlich geschildert, quasi vom Aufstehen bis zum eigentlichen Tathergang. Der Täter in Unterhosen zieht also die erwähnten Kleidungsstücke an und macht einen Überfall. So genau will das doch kein Leser wissen. Der Hinweis, was er bei der Straftat getragen hat, würde vollauf genügen.

 

Die Layoutvorgaben machen den Redaktionen oftmals das Leben sauer: Zu wenig Platz auf den Titelzeilen und dabei wäre so viel zu sagen. So kommen dann Titel zustande wie "Schiessstände halbiert". Richtig gemeint, aber halt doch falsch. Wer will denn schon halbe Schiessstände in der Gegend herumstehen haben? Schiesslärm halbieren, ja, das wäre mancherorts erwünscht. "Weniger Schiessstände" hätte auf den zwei Titelzeilen allerdings Platz gehabt – und auch Sinn ergeben.

 

Dasselbe Problem beim Titel "Gemeinde über Mittag offen". Da möchten alle Gemeinden weltoffen sein – was immer das auch heisst, gut tönt es immerhin – und dann kommt so eine Titelzeile. "Neue Öffnungszeiten in der Gemeindeverwaltung" aber ist halt viel zu lang und passt in keine Titelzeile. "Verwaltung durchgehend offen" hätte wahrscheinlich knapp Platz gehabt – und wäre wohl auch richtig gewesen. Es ist ja anzunehmen, dass der Betrieb in der Gemeindeverwaltung nicht nur in der Mittagspause läuft.

 

Eine Wort- Bild-Schere ist ein Bericht, wo etwas vermeldet wird und das Bild dazu einen ganz anderen Eindruck vermittelt. Da beklagt sich eine Schulpflege, dass der Pausenplatz viel zu klein ist und bei weitem nicht mehr ausreicht für die stark gewachsene Schülerschar. Und das Bild dazu? Ein vollkommen leerer Pausenplatz.

 Bei einem Bericht über einen Künstler wird dessen Kleidung – weshalb auch immer – sehr ausführlich beschrieben: Schwarz-rot karierte Shorts, rot.blau kariertes Hemd.  Das Bild dazu? Ein gepflegter älterer Herr in schwarzer Hose und dezent gemustertem dunklen Hemd. Vom Paradiesvogel zur dunklen Krähe, sozusagen.

Misswahlen und Misterwahlen sorgen bei den Beteiligten sicher für grosse Aufregung – beim Publikum offensichtlich weniger. Deshalb sind die Übertragungen solcher Wettbewerbe aus den TV-Programmen weitgehend verschwunden. Den Kandidaten, der sich mit flatternden Nasenflügeln präsentierte, hätte ich allerdings gerne gesehen. Hatte er wohl eine Nase wie Schmetterlingsflügel oder eher wie die Flügel  einer Kleidermotte?

Jetzt nochmals etwas für das Kopfkino. Allerdings bitte erst ab 18 Jahren: Da wurde ein Pärchen von der Polizei beim Sex während der Fahrt erwischt. Das liest sich dann so: Die eine Person sass am Steuer, die andere obendrauf. Auf dem Steuer also. Hatten die wirklich Sex mit dem Auto?

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