13.11.2018 - Judith Stamm

Zettelwirtschaft

Abmachungen und lästige  Pflichten notieren wir auf Zetteln, heften diese an die Wohnungstüre oder legen sie auf den Boden. Ordentlich wirkt das nicht. Aber es hilft gegen Vergessen.

Es war an einer öffentlichen Geburtstagsfeier des Schriftstellers Hugo Loetscher (1929 – 2009) in Zürich. Der Geehrte ergriff auch selbst das Wort. Erzählte von seiner Herkunft, seinem Aufwachsen. Ein Gedankengang ist mir in der Erinnerung hängen geblieben. Er sei nie ein Designerbaby gewesen, führte er aus. Deshalb habe er sein Überleben immer mit kleinen Tricks sichern müssen. Das brachte das Publikum zum Schmunzeln. Schien leicht und scherzhaft dahingesagt. Kommt mir aber heute immer etwa wieder in den Sinn. Dann, wenn ich selbst ein neues "Tricklein" erfinde, um mein aktuelles "Überleben" zu sichern.

 

Die Zettelwirtschaft ist auch so ein Trick. Sie ergänzt, erweitert, verstärkt das Notizbüchlein. Soeben habe ich ein neues gekauft: liniert, fester Einband, mit einem Leuchtturm auf dem Umschlag. Meine Gedanken, leider könne das Notizbüchlein keine akustischen Signale senden, unterdrücke ich sofort. Dafür gibt es ja Smartphones. Gelegentlich gehe ich am Abend zu Bekannten zum Kartenspielen. Immer um 22 Uhr meldet sich das Smartphone des Hausherrn mit alarmierenden Tönen. Und die Spielerrunde ruft, wie aus einem Munde: "die Medikamente nicht vergessen!"

 

Soweit bin ich also noch nicht. Meine Hinweise, Aufgaben, Daten, die ich nicht vergessen will, schreibe ich in mein neues Büchlein. Und stelle fest: Die Qualität des Büchleins bestimmt die Ordentlichkeit meiner Notizen. Schön auf den Linien, platzsparend und lesbar sind sie geschrieben. Donnerwetter, denke ich, so ein einfaches Büchlein kann mich im hohen Alter noch erziehen. Und drehe das Argument sofort um. Heute noch kann ich mich umstellen, anpassen, und handle es sich nur darum, ordentlich, platzsparend und lesbar zu schreiben. Würde die Flexibilität wohl auch noch für den Gebrauch eines Smartphones reichen?

 

Das Büchlein allein genügt nicht, um mich an all die Dinge zu erinnern, die ich noch auf meinem Programm habe. Ein Grund ist, dass ich es viel zu selten aufklappe. Es wirkt mehr wie ein Schatzkästlein für meine guten Ideen. Aber ein verschlossenes Schatzkästlein ist ja wie kein Schatzkästlein.

 

Darum habe ich mir ein Ergänzungssystem ausgedacht. Ganz wichtige Dinge schreibe ich auf Zettel. Diese Zettel geben mir zudem noch ein gutes Gewissen. Ich beschreibe nämlich die Rückseite von bedrucktem Papier. Das Internet enthält so viele Informationen. Nicht immer kann ich der Versuchung widerstehen, sie auszudrucken. Irgendwie kann ich sie mir auf Papier besser aneignen, als wenn ich sie auf dem Bildschirm lese. Aber wohin dann mit dem häufig einseitig bedruckten Papier? Daraus werden Notizzettel geschnitten.

 

Im Notizbuch stand, dass ich für jemanden ohne PC auf "telsearch" eine Adresse suchen würde. Ich vergass es, bis ich gemahnt wurde. Das nächste Mal werde ich, wenn ich nachhause komme, die Aufgabe sofort erledigen oder einen ergänzenden Zettel schreiben.

 

Aktuell habe ich versprochen, im Auftrag einer auswärts lebenden Person in einigen Tagen einen Geburtstagsstrauss zu besorgen. In einigen Tagen? Das Datum steht auf dem Zettel! Aber wohin damit? Auf den Schreibtisch? Keine Chance für ein wieder Entdecken neben allen anderen Papieren! Auf den Küchentisch? Dort liegen fein säuberlich beschriebene Einkauflisten. Eine für sofort, eine für später. Auch das hat seinen tieferen Sinn. Ein bestimmtes Gewicht sollte meine Einkaufstasche heute nicht mehr übersteigen, damit ich sie leichten Fusses nach Hause tragen kann. Also muss ich zum voraus disponieren und im Laden jeweils abschätzen, wie gross eine Packung von diesem und jenem sein kann, damit ich eine Gesamtlimite nicht überschreite. Dazu dienen die Listen, damit fahre ich sehr gut.

 

Aber wohin nun mit dem Zettel, auf dem das Datum für den Geburtstagsstrauss steht? Auf den Boden! Bei der Wohnungstüre! Das ist der ideale Ort! Da gehe ich immer wieder vorbei. Erinnere mich an den Auftrag. Und werde ihn hoffentlich zeitgerecht ausführen.

 

Mit der Zettelwirtschaft bin ich nicht allein. Eine Bekannte benützt dafür farbige Zettel und klebt sie an die Wohnungstüre. Wieder eine andere fügt Zettel in die Agenda ein. Das sieht dann sehr gewichtig aus!

 

So haben wir alle unsere kleinen Tricks zum "Überleben". Zu meinen gehört eine hoch entwickelte Zettelwirtschaft!

Kommentare

super Beitrag, welcher mir aus der Seele spricht, denn ich mache es auch so, d.h. ich muss, wenn ich mich nicht über meine Vergesslichkeit ärgern möchte. Zum Einkaufen nehme ich mein Einkaufswagen, denn schwer tragen ist auch nicht mehr so angesagt.

Dieser Beitrag gefällt mir sehr. Mein Sohn meinte mal, dass ich jetzt, wo ich ein Smartphone habe, all diese Zettel nicht mehr brauche. Weit gefehlt, denn das Smartphone erinnert mich an gewisse Dinge, die ich erledigen muss, aber nachdem es gepiepst hat, schweigt es. Und ich möchte ja nicht, dass es für all die kleinen Erinnerungen nur noch piepst und mich von wichtigen Arbeiten abhält. Meine Zettel liegen bei der Kaffeemaschine, darum vergesse ich praktisch nichts.

In einer früheren Ausbildung sagte mal eine Psychologin, man solle den Kopf für das momentane Leben und Erleben frei halten und ihn nicht mit Terminen, Einkaufslisten und dergleichen vollstopfen oder meinen, man könne auf diese Art das Hirn trainieren. Besser sei es Zettel zu schreiben für das, was man erledigen müsse. So mache ich es seit 50 Jahren.

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