08.01.2018 - Linus Baur

Zustand der Zeitlosigkeit

Ein gelungener Monologabend: Hansjörg Betschart inszeniert mit Schauspieler Alexander Pelichet im Theater Rigiblick in Zürich „Der Zauberberg“ von Thomas Mann.

Der früh verwaiste Hamburger Patriziersohn Hans Castorp besucht nach bestandenem Ingenieur-Examen vor dem geplanten Eintritt in eine Schiffsbauwerft seinen lungenkranken Vetter Joachim Ziemssen im Waldsanatorium »Berghof« in Davos. Joachim macht Hans mit den Gesetzen der Klinik hoch in den Alpen vertraut. Hier herrscht ein anderer Lebensrhythmus als im Flachland. Anfangs irritiert, gewöhnt Hans sich schnell an das Sanatoriumsleben. Er findet Gefallen am festen Ablauf von Mahlzeiten, Untersuchungen und Liegekuren im Freien, unterliegt der Faszination der Russin Clawdia Chauchat. Sein Zeitgefühl verändert sich; mehrmals verschiebt er den Termin für seine Rückkehr. 

Nach der endgültigen Abreise von Clawdias herrscht, wie ein Abschnitt überschrieben ist, der „grosse Stumpfsinn“, gelindert durch die „Fülle des Wohllauts“, die die Anschaffung eines Grammophons hervorbringt, auf dem Hans Castorp nächtelang „Aida“ und „Carmen“, vor allem aber Schuberts „Am Brunnen vor dem Tore“ hört. Der Roman verliert seinen Helden – Hans Castorp hat sieben Jahre im „Berghof“ zugebracht - als anonymen Soldaten im Angriff "aus den Augen", mit Schuberts "Am Brunnen vor dem Tore" auf den Lippen.

Monolog in weissem Anzug

Just die „Fülle des Wohllauts“ nimmt in der Regie und Textfassung von Hansjörg Betschart einen breiten Raum ein. Schauspieler Alexander Pelichet in weissem Anzug figuriert als glänzender Erzähler, der die einzelnen Abschnitte des Aufenthalts von Hans Castorp nuancenreich mit sparsamer, aber betonter Mimik und Gestik zelebriert, dazu auf- und abschreitet oder auf langen Tischen sitzend und liegend seine Monologe vorträgt. Grossartig, wie er den Wandel von Hans Castorp nachzeichnet, der zunächst befremdet ist über die «hier oben» herrschende Lebensart, sich dann zögernd in den Kurbetrieb einordnet, der die Patienten aus ihren bürgerlichen Verhaltensweisen reisst, sie in einen Zustand der Zeitlosigkeit und Pflichtvergessenheit setzt. «Man ändert hier seine Begriffe», prophezeit Joachim Zimssen seinem Besucher.

Erzähler Alexander Pelichet mit Koffergrammophon. (Fotos: Toni Suter / T+T Fotografie)

Grossartig auch, wie Pelichet sich mit Eifer der Pflege des Grammophons und der Schallplatten widmet, das Musikhören zu seiner neuen Passion macht und seine aus Lautsprechern wiedergegebenen Lieblingskompositionen schwärmerisch, aber auch kritisch interpretiert, sich über die «Unvollkommenheit der technischen Wiedergabe eines Gesangtons» aufregt oder die «qualvolle Lage» von Carmen schildert. Und zum Schluss, bei einem Kriegsgefecht im Wald, im Chaos von Splittergranaten, halblaut und «in gedankenloser Erregung» Zeilen wie «Ich schnitt in seine Rinde so manches liebe Wort» aus «Am Brunnen vor dem Tore» hervorstösst.

Stimmige Projektionen

Lobende Erwähnung verdient ebenfalls die schlichte Bühnengestaltung von Elke Thomann. Eingefasst ist das karge Spielfeld mit einer grossflächigen, halbrunden Leinwand, auf die Archivbilder des Sanatoriums, der umgebenden Bergwelt mit See und verschiedene Gemälde projiziert werden und so einerseits das Ambiente der damaligen Zeit und andererseits die Entrücktheit der Hauptperson verdeutlichen. Insgesamt wird eine reife Leistung geboten, obschon die Aufführung der Komplexität des Romans und seiner Symbolkraft nur teilweise gerecht wird. Dafür gabs am Premierenabend langanhaltenden Applaus.

Weitere Spieldaten siehe theater-rigiblick.ch

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