06.08.2018 - Eva Caflisch

Zwei Heilige unterm Baldachin

Neue Leihgabe ist das älteste Werk in der Galerie des Kunstmuseums Basel

Tafelbilder aus dem 13. und 14. Jahrhundert sind äusserst selten, daher sind Museen mit Recht besonders stolz auf jene Gemälde in ihren Beständen, die bereits viele Jahrhunderte überdauert haben. Dank eines privaten Leihgebers konnte das Kabinett mit früher altdeutscher und altniederländischer Malerei nun mit einem Bild ergänzt werden, das rund fünfzig Jahre älter ist als das bisher älteste Gemälde, nämlich ein vermutlich kurz nach 1400 in Wien entstandenes Diptychon mit Darstellungen des Schmerzensmanns und der Madonna mit Kind.

Das knapp 40 x 20 cm grosse Täfelchen, das durch den verschwenderisch punzierten Goldgrund und die für die Mäntel der Figuren verwendete Silberfolie besonders ins Auge sticht, zeigt zwei Heilige, Johannes den Täufer und den gleichnamigen Evangelisten und Apostel, unter einem Baldachin stehend. Die an den architektonischen Details ablesbaren Linien fluchten schräg zur Bildmitte, laufen jedoch nicht in einem einzigen Punkt zusammen.

km bs nürnberger meisterNürnberger Meister: Johannes der Täufer und Johannes Evangelista. Mischtechnik auf Eichenholz, um 1350/60. Kunstmuseum Basel, Dauerleihgabe aus Privatbesitz, Foto: Martin P. Bühler

Die Entstehungszeit des Bilds liege also lange vor der Verbreitung der Zentralperspektive nördlich der Alpen ab der Mitte des 15. Jahrhunderts, hält der zuständige Kurator Bodo Brinkmann fest und fährt fort: „Ja, die tabernakelartige Beschaffenheit und die steilen Proportionen des Gehäuses um die beiden Heiligen herum bezeugen auch, dass die Vorstellung, Figuren seien in einem annähernd realistisch geschilderten Interieur zu platzieren, hier noch in weiter Ferne liegt.“ Angestrebt wurde vielmehr eine phantasievolle Entrücktheit: Mauerzungen und Pfeiler dieses Tabernakels wachsen erstaunlicherweise aus einer grünen Wiese empor. Das Bild kann aufgrund weiterer Merkmale um 1350/60 gemalte worden sein.

Vier weitere Fragmente erhalten

Schwerer fiele eine Lokalisierung, wenn von dem Gesamtwerk nicht noch weitere Fragmente in Frankfurt und Berlin, sowie in schottischem Privatbesitz erhalten geblieben wären. Die Tafeln bildeten einst die oberen oder unteren Hälften der Flügel eines Baldachinaltars. Darunter versteht man einen Altaraufbau, bei dem in sich geteilte, bewegliche Flügel eine Skulptur, meist eine stehende oder sitzende Madonna mit Kind, wie die Seitenwände und Vordertüren eines Schrankes umfangen. Das Bildprogramm dieser Flügel schliesst auf den Innenseiten den hl. Franziskus und die hl. Klara ein; auf den Aussenseiten sind Nonnen im Habit der Klarissen abgebildet. Der Baldachinaltar war also für ein Klarissenkloster bestimmt.

Klarissenkloster und Kirche 1608 Hieronymus BraunDie Klosteranlage St. Klara aus dem Prospekt der Stadt Nürnberg von Hieronymus Braun, 1608

Einer der bedeutendsten Klarissenkonvente auf deutschem Boden, der überdies im 14. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte, war St. Klara in Nürnberg. Von dort stammende Retabelfragmente, die sich im Germanischen Nationalmuseum erhalten haben, weisen ebenso wie eine illuminierte Urkunde aus dem Kloster im Nürnberger Staatsarchiv enge technische und stilistische Parallelen zu den Tafeln des Baldachinaltars auf. Ferner genossen der Täufer und der Evangelist Johannes in St. Klara in Nürnberg besondere Verehrung, was die recht ungewöhnliche Zusammenstellung der beiden Heiligen in einem Bildfeld auf der Tafel im Kunstmuseum erklären würde. Das Kunstmuseum wird nun weitere Untersuchungen dazu anstellen; die Malerei der Innenseite bildet jedenfalls einen absoluten Höhepunkt Nürnberger Kunst dieser Zeit.

Herkunft aus gutem Hause

Nicht zuletzt hat die jetzt ins Kunstmuseum gelangte Tafel des Baldachinaltars auch eine noble Provenienz: Sie stammt aus der bedeutenden Sammlung des jüdischen Industriellen Harry Fuld (1879–1932) aus Frankfurt am Main. Fulds Haupterben, seinen beiden Söhnen und seiner dritten Ehefrau Lucie, wurden im Dritten Reich grosse Teile des nachgelassenen Kunstbesitzes entzogen; nach Kriegsende kam es zu Restitutionen. Unser Gemälde ist jedoch einen anderen Weg gegangen. Es fiel an eine der drei Schwestern des Erblassers, die das Deutsche Reich rechtzeitig verlassen konnte, und ist seitdem in der Familie weitervererbt worden.

Warum nicht ins Museum während draussen zuviel Hitze herrscht, die sogar das Ruhen im Schatten unmöglich macht? Vielleicht einmal mehr Zeit einräumen für den Besuch des Kabinetts mit den Gemälden aus dem Mittelalter und dabei die Entwicklung der Tafelmalerei studieren. Der wertvolle Neuzugang ist im Hauptbau des Kunstmuseums Basel zu sehen.

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